{"id":343,"date":"2019-09-14T11:21:51","date_gmt":"2019-09-14T11:21:51","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=343"},"modified":"2021-07-06T17:22:25","modified_gmt":"2021-07-06T17:22:25","slug":"maedchenstimmen-zwischen-kunstfreiheit-und-reputation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/maedchenstimmen-zwischen-kunstfreiheit-und-reputation\/","title":{"rendered":"M\u00e4dchenstimmen zwischen Kunstfreiheit und Reputation"},"content":{"rendered":"\n<p>Es klang wie eine Meldung aus dem \u201ePostillon\u201c: Ein neunj\u00e4hriges M\u00e4dchen wollte sich in einen Knabenchor einklagen und unterlag damit vor dem Landgericht. Entsprechend gro\u00df war die H\u00e4me, die sich in den sozialen Netzwerken \u00fcber die Mutter ergoss, die als Rechtsanw\u00e4ltin ihre Tochter vertrat: \u201eWelchen Teil des Worts Knabenchor hat diese Helikoptermutter im Genderwahn nicht verstanden?\u201c Handelt es sich also nur um ein Verst\u00e4ndnisproblem?<\/p>\n\n\n\n<p>So einfach ist es nicht. Wer argumentiert, dass sich Knaben- und M\u00e4dchench\u00f6re nun mal \u2013 wie der Name andeutet \u2013 im Geschlecht ihrer Mitglieder unterschieden, unterschl\u00e4gt, dass es sich auch jenseits dessen um grundverschiedene Institutionen handelt: Knabench\u00f6re bestehen in der Regel aus Jungen vor dem Stimmwechsel in Sopran und Alt und aus M\u00e4nnern (Begriffsanalytiker m\u00fcsste das eigentlich \u00fcberraschen) in Tenor und Bass. F\u00fcr die Ausbildung der hohen Stimmen bleibt wenig Zeit: Mit elf sollte ein S\u00e4nger Konzertreife erreicht haben, denn mit zw\u00f6lf oder dreizehn Jahren ist meistens Schluss mit der hohen Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>Entsprechend effizient und intensiv muss die Ausbildung sein. Knabench\u00f6re sind besondere Klangk\u00f6rper, weil viel Musik f\u00fcr sie komponiert wurde; sie sind das \u201eOriginalinstrument\u201c f\u00fcr die geistliche Musik von Heinrich Sch\u00fctz oder Johann Sebastian Bach. Ihr Repertoire ist oft durch solche Musik gepr\u00e4gt, und das Repertoire pr\u00e4gt wiederum dem Klang.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4dchench\u00f6re hingegen k\u00f6nnen sich f\u00fcr die Ausbildung mehr Zeit lassen. Die Stimme der S\u00e4ngerinnen \u00e4ndert sich zwar auch im Umfeld der Pubert\u00e4t, aber nicht so stark. Die S\u00e4ngerinnen der bedeutenden M\u00e4dchench\u00f6re sind oft schon 15 oder 17 Jahre alt, wenn sie in Konzerten auftreten, die Elfj\u00e4hrigen befinden sich noch in der Ausbildung. M\u00e4nnerstimmen haben M\u00e4dchench\u00f6re normalerweise nicht zur Verf\u00fcgung, schon deshalb ergibt sich ein anderes Repertoire, das eher von Romantik und Neuer Musik gepr\u00e4gt ist. Ja, von Neuer Musik, weil es M\u00e4dchench\u00f6re und speziell f\u00fcr sie komponierte Musik erst seit Mitte des 20. Jahrhundert \u00fcberhaupt gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zugang zu Repertoire und Ausbildungsstruktur der ber\u00fchmten Knabench\u00f6re bleibt M\u00e4dchen also prinzipiell verschlossen, und das hat zun\u00e4chst nichts mit Biologie, sondern mit Geschichte und Tradition tun. Zugegeben: Die Anzahl von elfj\u00e4hrigen M\u00e4dchen, die untr\u00f6stlich sind, weil ihnen verwehrt wird, Bach und Sch\u00fctz im vierstimmigen Satz zu singen, d\u00fcrfte gering sein. Und f\u00fcr diese M\u00e4dchen lie\u00dfen sich bestimmt pragmatische L\u00f6sungen finden, die sie gl\u00fccklicher machten als ein Gerichtsverfahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterschiede gehen jedoch weiter: Seit Beginn der abendl\u00e4ndischen Musikgeschichte sind Knabench\u00f6re nicht nur Klangk\u00f6rper, sondern auch Ausbildungsinstitutionen einer musikalischen Elite. Sie singen mit den besten Orchestern und Dirigenten, gehen weltweit auf Tournee und f\u00fcllen die Konzerts\u00e4le. Die Einnahmen daraus helfen, den personalaufw\u00e4ndigen Betrieb aufrechtzuerhalten. Dar\u00fcber hinaus erhalten die gro\u00dfen Knabench\u00f6re erhebliche \u00f6ffentliche F\u00f6rdermittel; Thomanerchor und Dresdner Kreuzchor beispielsweise sind st\u00e4dtische Institutionen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind Privilegien, die die Ch\u00f6re f\u00fcr S\u00e4nger und Eltern attraktiv machen und zum Beispiel bei einem sp\u00e4teren Musikstudium Vorteile verschaffen. Prominente M\u00e4dchench\u00f6re mit \u00e4hnlichen finanziellen Mitteln und Qualit\u00e4t gibt es mittlerweile auch, aber es sind sehr wenige. M\u00e4dchen singen mindestens genauso gerne und gut wie Jungen, schaffen es aber seltener an die Spitze. Im beruflichen Bereich nennt man so etwas die \u201eGl\u00e4serne Decke\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den staatlichen Leistungen hatte die Kl\u00e4gerin argumentiert, die man die Universit\u00e4t der K\u00fcnste angegliederten Staats- und Domchor Berlin singen wollte: M\u00e4dchen seien von der Teilhabe an diesen \u00f6ffentlichen Leistungen prinzipiell ausgeschlossen, und das sei Diskriminierung. Das Gericht kam jedoch zu dem Schluss, dass die Kunstfreiheit \u2013 die Freiheit des Chorleiters, die Stimmen f\u00fcr den Chor auszuw\u00e4hlen \u2013 hier h\u00f6her zu bewerten sei als die Gleichbehandlung der Geschlechter.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kunstfreiheit ist die Ablehnung von M\u00e4dchen aber nur zu rechtfertigen, wenn man den Unterschied zwischen Knaben- und M\u00e4dchenstimmen h\u00f6ren kann. Kann man das \u00fcberhaupt? Das ist Gegenstand empirischer Untersuchungen. Ein entsprechendes Experiment habe ich vor einiger Zeit selbst durchgef\u00fchrt. Dazu haben wir in der Arbeitsgruppe einerseits die Stimmen von M\u00e4dchen und Jungen aufgenommen, die gemeinsam im Gesang ausgebildet werden, andererseits S\u00e4nger eines ber\u00fchmten Knabenchors.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahmen haben wir zun\u00e4chst physikalisch analysiert: Welche Obertonbereiche sind in der Stimme prominent? Wieviel Atemhauch ist zu h\u00f6ren? Wie regelm\u00e4\u00dfig schwingen die Stimmlippen? Dann haben wir die Beispiele einer Gruppe von Expertinnen vorgespielt, die das Geschlecht der Kinder erkennen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Ergebnisse dieses Versuchs sind f\u00fcr die aktuelle Diskussion besonders wichtig. Erstens: Die Expertenh\u00f6rerinnen konnten Jungen und M\u00e4dchen am Klang auseinanderhalten. Die Trefferquote lag bei 66 Prozent und damit signifikant \u00fcber der Zufallswahrscheinlichkeit. Zweitens: Bei der physikalischen Analyse unterschieden sich die Jungen aus den beiden Ch\u00f6ren st\u00e4rker voneinander als M\u00e4dchen und Jungen aus demselben Chor. Der Einfluss von Stimmbildung, Klangidealen und Auswahl der Mitwirkenden ist also st\u00e4rker als der des Geschlechts; M\u00e4dchen- und Jungenstimmen sind unterschiedlich, aber nicht fundamental unterschiedlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Rechtfertigt ein so feiner Unterschied die Existenz von reinen Knaben- und M\u00e4dchench\u00f6ren? Ja, das Gericht hat richtig entschieden, denn in der Kunst geht es nun mal um feine Unterschiede. Ob Martha Argerich am Klavier sitzt oder Yuja Wang, ob die Rockgitarristin eine Stratocaster oder Telecaster bearbeitet und ob ein Bild von D\u00fcrer ist oder nur aus seiner Werkstatt \u2013 das sind Dinge, \u00fcber die sich selbst Fachleute mal irren k\u00f6nnen und die doch entscheidend sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechtigkeit ist in diesem Bereich weniger wichtig: Niemand w\u00fcrde wohl fordern, dass Martha Argerich nun oft genug mit der Staatskapelle zu h\u00f6ren war und wegen der Gleichbehandlung eine andere Pianistin zum Zuge kommen sollte. Gerade weil die Kunstfreiheit aber einen so hohen Stellenwert hat, m\u00fcssen sich die Verantwortlichen immer wieder pr\u00fcfen, ob es in ihren Entscheidungen wirklich nur um Kunst geht.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Theaterwelt werden solche Verzerrungen seit einiger Zeit diskutiert: An den gro\u00dfen H\u00e4usern inszenieren vorrangig M\u00e4nner, obwohl es reichlich gute Regisseurinnen gibt. Da liegt die Vermutung nahe, dass nicht alle Entscheidungen k\u00fcnstlerische waren, auch wenn es den Beteiligten so schien. \u00c4hnliche Mechanismen k\u00f6nnten auch bei den Konzertbuchungen von M\u00e4dchen- und Knabench\u00f6ren wirksam sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gefragt sind hier nicht nur Dirigentinnen und Intendanten, sondern auch Menschen, die Konzertkarten und CDs erwerben. Auch und gerade, wenn wir den Klang von Knabenstimmen lieben, m\u00fcssen wir neugieriger werden auf die Stimmen der M\u00e4dchen! Und wir m\u00fcssen ihnen die gleichen Chancen bieten, auch finanziell. In diesem Sinne k\u00f6nnte der Prozess des M\u00e4dchens, auch wenn es diesen verloren hat, politische Wirksamkeit entfalten. Der Staats- und Domchor Berlin allerdings war in diesem Kampf der falsche Gegner, denn er hat bereits einen gleichwertigen M\u00e4dchenchor, mit dem er zusammenarbeitet, auch wenn hinter beiden Ch\u00f6ren verschiedene Institutionen stehen: Der M\u00e4dchenchor der Sing-Akademie zu Berlin bietet ebenfalls eine hervorragende Ausbildung und steht musikalisch nicht schlechter da als sein Partnerchor \u2013 manche w\u00fcrden sogar sagen: besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die bedeutenden M\u00e4dchench\u00f6re der Stadt (auch der Berliner M\u00e4dchenchor w\u00e4re hier zu nennen) in der \u00f6ffentlichen Diskussion dieses Falls keine Rolle spielen, dass die Mitwirkung in diesen hervorragenden Ensembles wie ein Trostpreis wirkt, ist das eigentlich Traurige. Es unterstreicht, dass es wirklich um mehr geht als um das Verst\u00e4ndnis des Worts \u201eKnabenchor\u201c.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p> \u00a9 <a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\">Ann-Christine Mecke<\/a> 2019, erschienen in der <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur\/musik\/vom-knabenchor-abgewiesen-maedchenstimmen-zwischen-kunstfreiheit-und-reputation-33032924\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Berliner Zeitung vom 20.8.2019 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Berliner Zeitung vom 20.8.2019<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild: Der <a href=\"https:\/\/www.berlinermaedchenchor.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Berliner M\u00e4dchenchor (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Berliner M\u00e4dchenchor<\/a> bei einem Konzert in der Berliner Philharmonie. Foto: Berliner M\u00e4dchenchor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es klang wie eine Meldung aus dem \u201ePostillon\u201c: Ein neunj\u00e4hriges M\u00e4dchen wollte sich in einen Knabenchor einklagen und unterlag damit vor dem Landgericht. 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