{"id":369,"date":"2013-03-01T12:51:37","date_gmt":"2013-03-01T12:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=369"},"modified":"2019-10-22T15:47:25","modified_gmt":"2019-10-22T15:47:25","slug":"wenn-der-stimmumfang-kleiner-und-das-vibrato-groesser-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/stimmen\/wenn-der-stimmumfang-kleiner-und-das-vibrato-groesser-wird\/","title":{"rendered":"Wenn der Stimmumfang kleiner und das Vibrato gr\u00f6\u00dfer wird &#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger im Seniorenalter haben nicht gerade einen guten Ruf. Selbst wenn sie als ge\u00fcbte Chormitglieder die g\u00e4ngigen Werke in- und auswendig kennen, ihre Stimmgruppe stets mit Noten versorgen und dazu noch den Chorstammtisch organisieren \u2013 ein hoher Anteil \u00bbalter Stimmen\u00ab gilt als Mangel eines Chores. Professionelle Solos\u00e4ngerinnen in gereiftem Alter bekommt man entweder gar nicht zu h\u00f6ren, oder sie gelten als abgesungene Diven, die den richtigen Zeitpunkt zum Aufh\u00f6ren verpasst haben. F\u00fcr M\u00e4nner sieht es zwar etwas besser aus, doch scheint auch ihre Stimme mit dem Alter zu verblassen, angestrengter oder unsicherer zu werden.<br>Tats\u00e4chlich ver\u00e4ndert der Alterungsprozess den Klang und die Leistungsf\u00e4higkeit der Stimme. Dies ist kein Zeichen schlechter Gesangstechnik \u2013 auch wenn sich manche Alterserscheinungen durch eine gute Technik ausgleichen lassen. Nicht jeder ist gleicherma\u00dfen von solchen Ver\u00e4nderungen betroffen, und doch ist der Zusammenhang so eng, dass H\u00f6rer das Alter eines Sprechers recht zuverl\u00e4ssig an der Stimme erkennen k\u00f6nnen. Man wei\u00df auch, mit welchen Ver\u00e4nderungen zu rechnen ist und was der jeweilige Grund daf\u00fcr ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun folgt, wirkt wie ein Schreckensszenario. Es sei deshalb vorangeschickt, dass diese Ver\u00e4nderungen erstens nur allm\u00e4hlich und zweitens nicht unbedingt gleichzeitig und im gleichen Ma\u00dfe eintreten. Sehen wir also den Tatsachen so vorgewarnt ins Auge: Im Alter verlieren die Kehlkopfmuskeln \u2013 wie andere Muskeln im K\u00f6rper auch \u2013 an Kraft und Volumen. Auch die Stimmlippen bestehen zum gro\u00dfen Teil aus einem Muskel. Durch den Volumenschwund (Atrophie genannt) werden sie d\u00fcnner und schlie\u00dfen schlechter, vor allem in ihrer Mitte. Das Ergebnis: Immer dringt ein bisschen Luft durch die Stimmritze; die Stimme klingt behaucht. Au\u00dferdem k\u00f6nnen hohe T\u00f6ne oder der Registerausgleich Probleme verursachen, weil weniger Muskelkraft zur Verf\u00fcgung steht. Der Stimmumfang wird kleiner, weil die hohen T\u00f6ne nicht mehr erreicht werden. Der Kehlkopf verliert an Elastizit\u00e4t und die Stimme damit an Agilit\u00e4t: Schnelles Singen und insbesondere Koloraturen werden zum Problem.<br>Auch die Vitalkapazit\u00e4t, das hei\u00dft die f\u00fcr die Atmung verwendete Lungenkapazit\u00e4t, nimmt ab: Lange Phrasen oder T\u00f6ne k\u00f6nnen deshalb Schwierigkeiten machen. Da eine schw\u00e4chere Atemmuskulatur zus\u00e4tzlich den Luftdruck reduziert, den zu erzeugen das Atemsystem imstande ist, wird die Stimme kraftloser und leiser.<br>Auch im Rachen atrophiert das Gewebe, dadurch ver\u00e4ndern sich die Resonanzverh\u00e4ltnisse und damit der Stimmklang. Die Resonanzbereiche, in denen Obert\u00f6ne besonders verst\u00e4rkt werden, sinken um circa 100 Hertz pro Lebensjahrzehnt ab. Dadurch wird das Timbre der Stimme etwas dunkler. Einschr\u00e4nkungen in der Artikulationsmuskulatur f\u00fchren dazu, dass die Vokale einander \u00e4hnlicher werden. Intonationsprobleme k\u00f6nnen entstehen, weil die Rezeptoren in den Kehlkopfmuskeln, die w\u00e4hrend der Stimmgebung Informationen f\u00fcr die Feinabstimmung der Tonh\u00f6he liefern, an Effizienz einb\u00fc\u00dfen. Hinzu kommt, dass auch die akustische Kontrolle der Stimme, das Geh\u00f6r, im Alter nachl\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wird denn im Alter immer nur alles schw\u00e4cher? Nein: Das Vibrato gewinnt an St\u00e4rke. Der Umfang w\u00e4chst, gleichzeitig sinkt die Vibratofrequenz. Das Vibrato wird also nicht nur gr\u00f6\u00dfer, sondern auch langsamer. Das b\u00f6se Schimpfwort \u00bbQuintenschleuder\u00ab hat hier seinen Ursprung. Das Vibrato erreicht zwar bei weitem nicht den Umfang einer Quinte, doch unser Ohr ist empfindlich f\u00fcr Abweichungen von der als angenehm empfundenen Vibratofrequenz und -amplitude. Nicht nur durch das Vibrato wird die Tonstabilit\u00e4t in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch im hochfrequenten Bereich. Jitter und Shimmer (zwei Ma\u00dfe, die angeben, wie \u00e4hnlich sich zwei benachbarte Schwingungszyklen der Stimmlippen sind) nehmen zu, die Stimme klingt deshalb rau und heiser, in schlimmen F\u00e4llen wird sie dar\u00fcber hinaus wackelig.<br>Zur Vervollst\u00e4ndigung der Schreckensvision sei noch erw\u00e4hnt, dass auch Krankheiten, wie man sie h\u00e4ufiger oft in hohem Alter bekommt, Auswirkungen auf die Stimme haben k\u00f6nnen: Eine Lungenkrankheit macht auch beim Singen und Sprechen kurzatmiger, Parkinson l\u00e4sst die Stimme zittern, fehlende Z\u00e4hne beeintr\u00e4chtigen die Artikulation.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Endstadium dieser Entwicklung ist die \u00bbGreisenstimme\u00ab: leise, heiser, wackelig und kurzatmig, zum Singen nur noch eingeschr\u00e4nkt zu gebrauchen. Bis dahin ist es nat\u00fcrlich ein weiter Weg! Erste Beeintr\u00e4chtigungen erleben viele Senioren aber schon, wenn sie sich noch bei bester Gesundheit f\u00fchlen \u2013 oder noch nicht einmal Senioren sind. Frauen haben hier besonders schlechte Karten: Sie erleben den einschneidendsten Alterungsprozess n\u00e4mlich schon mit der Menopause im Alter von circa 50 Jahren. Durch die hormonelle Umstellung werden die Stimmlippen etwas l\u00e4nger und dicker, was zu einer tieferen Stimme f\u00fchrt. Im Durchschnitt sinkt die Sprechstimmlage in dieser Lebensphase um 10 bis 15 Hertz, also ungef\u00e4hr um einen Halb- oder Ganzton. Zus\u00e4tzlich haben viele Frauen mit einer belegten und rauen Stimme zu k\u00e4mpfen. Frauen machen in den Wechseljahren also eine Art zweiten Stimmwechsel durch. F\u00fcr Laiens\u00e4ngerinnen wird es oft Zeit, vom Sopran in den Alt oder sogar vom Alt in den Tenor zu wechseln. Berufss\u00e4ngerinnen k\u00f6nnen in eine Krise geraten, die bei einem guten Ausgang in einen Fachwechsel m\u00fcndet, die aber auch das Ende der B\u00fchnenkarriere bedeuten kann. Die individuellen Unterschiede sind gro\u00df: W\u00e4hrend manche ihre T\u00e4tigkeit als S\u00e4ngerin beenden m\u00fcssen, bemerken andere kaum eine Beeintr\u00e4chtigung.<br>Bei M\u00e4nnern setzen die sp\u00fcrbaren Ver\u00e4nderungen meist sp\u00e4ter ein. Das haupts\u00e4chliche Problem bei ihnen ist der Gewebeschwund, au\u00dferdem Austrocknung und Versteifung des Kehlkopfgewebes. Da die Stimmlippen steifer werden, kommt es bei M\u00e4nnern eher zu einer Erh\u00f6hung der Sprechstimmlage. Vom mittleren Alter bis zum Greisenalter erh\u00f6ht sich die Stimme um etwa 35 Hertz, was in der typischen Sprechstimmlage von M\u00e4nnern etwa eine gro\u00dfe Terz ausmacht. Die Ver\u00e4nderung der Sprechstimmlage ist also gr\u00f6\u00dfer als bei Frauen, geschieht aber weniger abrupt. Wenn die Stimme aufgrund der Instabilit\u00e4t ins Falsett kippt, klingt sie noch erheblich h\u00f6her: der \u00bbGreisendiskant\u00ab ist erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sollte man bei den ersten Anzeichen von Stimmalterung besser mit dem Singen aufh\u00f6ren? Im Gegenteil! Muskelabbau kann man mit Training verlangsamen oder vermindern. Das beste Rezept gegen eine vorzeitige \u00bbGreisenstimme\u00ab scheint also das Singen selbst zu sein. Ganz normales Ausdauertraining kann au\u00dferdem dazu beitragen, die Vitalkapazit\u00e4t im optimalen Bereich zu halten. Gesangsunterricht ist n\u00fctzlich, um die Singtechnik an die neuen Bedingungen anzupassen. Gezieltes Stimmtraining ist auch das Mittel der Wahl, wenn die Sprechstimme altersbedingt nicht mehr so belastbar ist. Das wichtigste ist also, sich die Beeintr\u00e4chtigungen einzugestehen, um dann daran arbeiten zu k\u00f6nnen.<br>Umstritten sind die invasiveren Methoden der Medizin. Eine manchmal als \u00bbLifting f\u00fcr die Stimme\u00ab angepriesene operative Ma\u00dfnahme besteht darin, das verlorengegangene Stimmlippengewebe durch eine injizierte Fl\u00fcssigkeit zu ersetzen und so wieder einen guten Stimmlippenschluss herzustellen. Dies ist jedoch nur in schweren F\u00e4llen angezeigt, wirkt nur vor\u00fcbergehend (bis die injizierte Fl\u00fcssigkeit vom K\u00f6rper absorbiert wurde) und ist dar\u00fcber hinaus eine relativ grobe Methode, die nur wenig Wirkung auf die Feineinstellung der Singstimme hat. F\u00fcr Berufss\u00e4ngerinnen mit Problemen in den Wechseljahren kommt unter Umst\u00e4nden auch eine Hormontherapie in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es also nur Probleme; kann man der alternden Stimme denn gar nichts abgewinnen? Doch. Laiench\u00f6re k\u00f6nnen von der tieferen Stimme \u00e4lterer Frauen profitieren. Der Tenor ist schlie\u00dflich chronisch unterbesetzt, und eine Untersuchung hat gezeigt, dass sich Frauen- und M\u00e4nnerstimmen im Tenor gut mischen und sich entgegen der g\u00e4ngigen Meinung klanglich hinreichend \u00e4hnlich sind. Leider werden \u00e4ltere M\u00e4nner meist keine Ten\u00f6re mehr, auch wenn ihre Sprechstimme sich erh\u00f6ht \u2013 dies ist meistens nicht damit verbunden, dass hohe Gesangst\u00f6ne hinzugewonnen werden.<br>Wer das Singen erst im h\u00f6heren Alter f\u00fcr sich entdeckt oder wer seinen fr\u00fcheren Chor wegen der alternden Stimme verlassen muss, kann in einem Seniorenchor aktiv werden. Das klingt nach Volksliedern und Butterkuchen, doch auch Seniorench\u00f6re gibt es in den unterschiedlichsten Sorten. Die einen verstehen unter \u00bbSeniorenchor\u00ab, dass die Anspr\u00fcche gesenkt werden und das Gemeinschaftserlebnis in den Vordergrund r\u00fcckt. Auch auf manch nicht-stimmliches Zipperlein muss dabei zuweilen R\u00fccksicht genommen werden: \u00bbGeprobt wird im Sitzen\u00ab oder \u00bbNoten werden im Gro\u00dfdruck zur Verf\u00fcgung gestellt\u00ab, hei\u00dft es einladend auf den Internetseiten. Andere Ch\u00f6re betonen die Wichtigkeit von Stimmbildung, Ehrgeiz und Repertoire-Erweiterung gegen das \u00bbEinrosten\u00ab von Geist und Stimme. Wieder andere sehen die Altersstimme nicht als Defizit, sondern als besonderes Ausdrucksmittel, das es zu entdecken gilt. Auch im Repertoire bestehen erhebliche Unterschiede: Nicht jeder Seniorenchor singt deutsches Liedgut \u2013 manche vergeben Kompositionsauftr\u00e4ge, um Werke singen zu k\u00f6nnen, die zu den \u00bblebenserfahrenen\u00ab Stimmen der Chormitglieder passen. Wieder andere Senioren schmettern Pop- und Rocksongs. Texte, die das Alter thematisieren oder sich zumindest so verstehen lassen, zum Beispiel \u00bbTalking \u2019bout my generation\u00ab oder \u00bbTime of my Life\u00ab erfreuen sich dabei besonderer Beliebtheit. Ensembles wie der \u00bbYoung@Heart Chorus\u00ab aus den USA oder die britischen \u00bbThe Zimmers\u00ab (benannt nach dem englischen Ausdruck f\u00fcr Gehwagen) haben es mit dieser Strategie zu einer gewissen Ber\u00fchmtheit gebracht. Nicht zuletzt, weil eine raue, hauchige oder wackelige Stimme auch ein Markenzeichen sein kann, solange sie nur selbstbewusst und ausdrucksstark benutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>  \u00a9<a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\/\"> Ann-Christine Mecke<\/a> 2013 | erschienen im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.gewandhausmagazin.de\/\" target=\"_blank\">Gewandhausmagazin<\/a> 78 (M\u00e4rz 2013)  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger im Seniorenalter haben nicht gerade einen guten Ruf. 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