{"id":414,"date":"2017-10-22T10:34:06","date_gmt":"2017-10-22T10:34:06","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=414"},"modified":"2022-07-18T07:39:35","modified_gmt":"2022-07-18T07:39:35","slug":"ein-halbdokumentarischer-deutscher-maerchenwald-in-ruanda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/ein-halbdokumentarischer-deutscher-maerchenwald-in-ruanda\/","title":{"rendered":"Ein halbdokumentarischer deutscher M\u00e4rchenwald in Ruanda"},"content":{"rendered":"\n<p> Programmhefttext zu Kirill Serebrennikovs&nbsp;<em>H\u00e4nsel und Gretel-<\/em>Film<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNichts hab ich zu leben, kein Kr\u00fcmchen, den W\u00fcrmern zu essen zu geben. [\u2026] M\u00fcde bin ich \u2013 m\u00fcde zum Sterben \u2013 Herrgott, wirf Geld herab.\u00ab Man mag \u00fcber die literarische Qualit\u00e4t des H\u00e4nsel und Gretel-Librettos geteilter Meinung sein, aber mit der knappen und schmucklosen Klage der Mutter ist Adelheid Wette und ihren Mitarbeitern Hermann Wette und Engelbert Humperdinck ein bewegender Ausdruck der sozialen Notlage der Familie gelungen. Engelbert Humperdinck hat sie ebenso schlicht und wirksam vertont. Doch bei aller Empathie, die sie im besten Fall hervorruft: Die Not der Familie in H\u00e4nsel und Gretel dient vor allem der Illustration des gesellschaftlichen Milieus, dem \u00bbKolorit\u00ab f\u00fcr die Handlung, weniger der Kritik sozialer Zust\u00e4nde. Illustriert mit Bildern wohlgen\u00e4hrter S\u00e4ngerinnen in romantisch wirkenden Besenbinderh\u00fctten kann die Klage der Mutter daher leicht zu einer pittoresken Erinnerung an \u00fcberwunden geglaubte Probleme werden. Kirill Serebrennikov entschied daher schon zu Beginn seiner Besch\u00e4ftigung mit der Oper, den Hunger der Familie in Afrika zu suchen. Zwar gibt es auch im heutigen Deutschland Armut, noch mehr in anderen Teilen von Europa, aber nur selten nimmt sie die von der Mutter beschriebene Form an. Serebrennikov erinnert uns daran, dass existentielle Armut in vielen Teilen der Welt Realit\u00e4t ist, dass uns die Klage der Mutter millionenfach vor allem aus S\u00fcdasien und dem subsaharischen Afrika entgegenschallen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der ersten Idee \u00bbAfrika\u00ab wurde im Laufe der weiteren Planungen der kleine, dicht bev\u00f6lkerte Binnenstaat Ruanda, den die Welt vor allem mit dem V\u00f6lkermord von 1994 in Verbindung bringt. Das Trauma dieses V\u00f6lkermords, bei dem innerhalb von drei Monaten ca. 800.000 Menschen auf grausame Art ermordet wurden, lastet bis heute sp\u00fcrbar auf der Bev\u00f6lkerung. Hinsichtlich Armutsbek\u00e4mpfung, Alphabetisierung, Infrastruktur, Beh\u00f6rdenzuverl\u00e4ssigkeit etc. hat sich das Land seitdem nicht nur wieder erholt, sondern erhebliche Fortschritte gemacht. Dies geschieht allerdings in einem autokratischen System, das keine Demonstrationsfreiheit und keine Pressefreiheit kennt und auch keine historisch-kritische Aufarbeitung der vielschichtigen Ursachen und Folgen des V\u00f6lkermords duldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Fernsehbilder, Plakate von Hilfsorganisationen oder auch Spr\u00fcche wohlmeinender Erziehungsberechtigter \u00fcber die \u00bbhungernden Kinder in Afrika\u00ab haben viele von uns mit der irrigen Vorstellung aufwachsen lassen, ein ganzer Kontinent sei haupts\u00e4chlich von hungrigen Kindern mit Fliegen in den Augenwinkeln und apathischen Gesichtern bewohnt. Kirill Serebrennikov nutzt diese Pr\u00e4gung, wenn er die hungernde Familie f\u00fcr seinen M\u00e4rchenfilm \u00bbin Afrika\u00ab sucht. Er konterkariert unsere Vorstellungen jedoch durch die quasi-dokumentarische Form seines Films: Kameramann Denis Klebleev und Kirill Serebrennikov arbeiteten mit vorgefundenen Situationen und spontan engagierten Statisten, die sich ohnehin an den Drehorten wie Kneipe, Seeufer oder Fu \u00dfballkino aufhielten. Die Haupthandlung des Films wurde dann mit den Darstellern inszeniert, von denen nur Vater und Mutter auch professionelle Theater- und Filmschauspieler sind. Die Darsteller improvisierten gesprochene Texte, wobei die Regieanweisungen zwischen detaillierten Vorgaben und groben Situationsbeschreibungen variierten. Oft griff Serebrennikov kurzfristig Vorschl\u00e4ge und Angebote von Darstellern oder Passanten auf und integrierte neue Szenen in die Dreharbeiten. In gewisser Hinsicht bilden die Filmbilder also heutige ruandische Realit\u00e4t ab, die unseren Afrika-Klischees oft nicht entspricht. Der erste Eindruck des fruchtbaren, gut organisierten und sehr sicheren Landes kann die Probleme der dort lebenden Menschen sogar vergessen lassen. Aber noch 2017 belegt das Land in der Statistik der Welthungerhilfe, die den Anteil unterern\u00e4hrter Menschen, Kindersterblichkeit und verschiedene Anzeichen von Unterern\u00e4hrung bei Kindern ber\u00fccksichtigt, den 100. Platz von 120 erfassten L\u00e4ndern und ist damit ein Land, dessen Ern\u00e4hrungssituation von der Welthungerhilfe als \u00bbernst\u00ab eingestuft wird. Diese Situation hat mit den geographischen Voraussetzungen des Landes, mit den Folgen von Krieg in den Nachbarl\u00e4ndern, aber auch mit seiner kolonialen Vergangenheit zu tun (Ruanda geh\u00f6rte bis 1919 zu Deutsch-Ostafrika, danach bis zur Unabh\u00e4ngigkeit 1962 zur Belgischen Kolonie Ruanda-Urundi). Entscheidend f\u00fcr die heutige wirtschaftliche Lage von Ruanda sind jedoch auch die globalen Wirtschafts- und Machtverh\u00e4ltnisse, von denen wir Europ\u00e4er t\u00e4glich profitieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zur Aus\u00fcbung dieser Machtverh\u00e4ltnisse, dass wir Europ\u00e4er afrikanische L\u00e4nder vor allem als hilfsbed\u00fcrftige Problemgebiete wahrnehmen und afrikanische Kunst und Literatur, Unternehmergeist und Professionalit\u00e4t ignorieren. So ist jede Darstellung, die die Ungleichheit zeigen m\u00f6chte, in Gefahr, diese Ungleichheit dadurch zu zementieren, dass sie ein verzerrtes Bild von \u00bbAfrika\u00ab weitertr\u00e4gt. Serebrennikovs Film wagt also mit seinem&nbsp;<em>H\u00e4nsel und Gretel<\/em>-Film eine Gratwanderung, auf der das Team von ruandischen Kollegen der freien Theatergruppe&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.mashirika.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mashirika<\/a>&nbsp;begleitet wurde. Auch wenn Ruanda f\u00fcr Kirill Serebrennikov nur beispielhaft f\u00fcr ein Land des globalen S\u00fcdens steht, war es wichtig f\u00fcr ihn, konkrete Lebensumst\u00e4nde darzustellen und sich von der Realit\u00e4t \u00fcberraschen zu lassen, anstatt eigene Vorstellungen zu best\u00e4tigen. Auch die j\u00fcngere Geschichte Ruandas greift Serebrennikov in der Engel-\u00bbPantomime\u00ab nach dem Abendsegen auf. Unabh\u00e4ngig vom dokumentarischen Stil des Films handelt es sich selbstverst\u00e4ndlich um ein aus europ\u00e4ischer Perspektive inszeniertes Kunstwerk. In ihm wird eine romantische deutsche Oper versuchsweise an einen uns fremden Ort transportiert. Im Produktionsprozess wurde den ruandischen Darstellern eine ihnen fremde Kunstform und eine ebenso fremde Geschichte vorgegeben. Die Reibung zwischen ruandischem Alltagsleben und deutscher Musik, zwischen ruandischer Realit\u00e4t und europ\u00e4ischen Vorstellungen von \u00bbAfrika\u00ab soll irritieren und \u00fcberraschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem wir den ruandischen Figuren die Stimmen einer beliebten deutschen Oper leihen, bieten wir den gr\u00f6\u00dftenteils deutschen Zuschauern eine ungew\u00f6hnliche Identifikationsm\u00f6glichkeit mit den Filmfiguren an. Gleichzeitig nehmen wir unseren ruandischen Kollegen aber auch die M\u00f6glichkeit, ihre eigenen Geschichten mit eigenen Mitteln zu erz\u00e4hlen. In der f\u00fcr ihn typischen Doppelb\u00f6digkeit wird Kirill Serebrennikov in seiner Inszenierung \u2013 wann immer sie realisiert werden kann \u2013 die Frage stellen, ob die eigentliche Hexe nicht der Regisseur dieses Experiments ist. F\u00fcr die heutige Auff\u00fchrung, die diesen Aspekt der Inszenierung nicht zeigen kann, gaben wir Ariane Gatesi (Gretel) und David Niyomugabo (H\u00e4nsel) in einigen Unterbrechungen ihre eigenen Stimmen und Standpunkte zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p> \u00a9 <a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\">Ann-Christine Mecke<\/a> 2017 | erschienen im Programmheft der Oper Stuttgart zu&nbsp;<em><a href=\"https:\/\/www.staatsoper-stuttgart.de\/spielplan\/a-z\/haensel-und-gretel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">H\u00e4nsel und Gretel<\/a><\/em>.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild:  Ariane Gatesi (Gretel) und David Niyomugabo (H\u00e4nsel) in einer Filmszene, Kamera: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/denis_klebleev\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Denis Klebleev (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Denis Klebleev<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Programmhefttext zu Kirill Serebrennikovs\u00a0&#8222;H\u00e4nsel und Gretel&#8220;-Film<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":423,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[234,230],"tags":[82,87,232,262],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=414"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":776,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/414\/revisions\/776"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/423"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=414"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=414"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=414"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}