{"id":438,"date":"2013-03-10T11:46:34","date_gmt":"2013-03-10T11:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=438"},"modified":"2022-07-17T15:26:23","modified_gmt":"2022-07-17T15:26:23","slug":"eine-art-von-triumph","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/eine-art-von-triumph\/","title":{"rendered":"Eine Art von Triumph"},"content":{"rendered":"\n<p>Oper im Schwimmbad, Tanztheater im Kaufhaus,\nStreichquartette im Heizungskeller \u2013 muss man denn \u00fcberall Musik machen? Aber\nja! sagen die einen: \u201eUngew\u00f6hnliche Spielst\u00e4tten\u201c locken ungew\u00f6hnliches\nPublikum ins klassische Konzert. Au\u00dferdem sind ungewohnte R\u00e4ume auch eine\nbeabsichtigte Herauforderung f\u00fcr die Rituale, die mit dem Konzertbesuch und dem\nMusikh\u00f6ren verbunden sind. R\u00e4ume strukturieren unser Verhalten; R\u00e4ume, die vom konventionellen\nKonzertsaal abweichen, erm\u00f6glichen oder f\u00f6rdern anderes Verhalten, eine andere\nHaltung, anderes H\u00f6ren. R\u00e4ume sind Teil der Auff\u00fchrung, ganz gleich ob wir sie\nbewusst wahrnehmen oder ignorieren. Sie sind Teil der Erfahrung, wegen der wir\nins Konzert gehen, Teil des Kunstwerks, das ein Konzert sein kann. Im Idealfall\nnehmen Raum und Musik aufeinander Bezug, bildet der Raum einen reizvollen\nKontrast oder vermittelt eine zus\u00e4tzliche k\u00fcnstlerische Aussage. Gerade Orte,\ndie nicht zum Musikh\u00f6ren, sondern f\u00fcr die arbeitsreiche, konsumorientierte und\nmanchmal h\u00e4ssliche Wirklichkeit gebaut wurden, machen uns auch beim Musikgenuss\nbewusst, wie weit wir von der Utopie entfernt sind, die in der Musik zum\nAusdruck zu kommen scheint. Kaufh\u00e4user, Bahnh\u00f6fe und Fabrikhallen bilden den\nirdischen Gegenpol zu \u00fcberirdischen Terzenketten und Oboensoli; beides\ngemeinsam stellt die gesellschaftliche Realit\u00e4t in Frage. <\/p>\n\n\n\n<p>Oh nein! sagen die anderen. Denn die Wirklichkeit des\nKonzertbetriebs sieht doch oft so aus: Da wurde eine Industrieruine mit viel\nAufwand und trotzdem nur notd\u00fcrftig zur Spielst\u00e4tte hergerichtet. In der einen\nEcke steht eine Zuschauertrib\u00fcne, gegen\u00fcber die Musiker im Lichtkegel, hinten\nleuchten gr\u00fcn die Notausgang-Schilder. Die klassische Konzertarchitektur ist\nwieder hergestellt, die Ruinenwand bildet die atmosph\u00e4rische Kulisse. Was\ngespielt wird, hat mit dem Raum nichts zu tun, und das Publikum sieht aus wie\nimmer, wenn&#8217;s originell zu werden verspricht. Nur die Akustik ist bedeutend schlechter\nals im Konzertsaal. Auf der Trib\u00fcne zieht&#8217;s, ein Generator brummt, und in der\nPause stellt man fest, dass das einzige, was gewohnte Konzertrituale ernsthaft\nin Frage stellt, die Toilettensituation ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit wann ist Ungew\u00f6hnlichkeit ein Qualit\u00e4tsmerkmal? fragen\ndie dritten. Sollte man nicht eher damit werben, dass die Konzerte an <em>sinnvollen<\/em>\nOrten stattfinden? So etwas gibt es durchaus: Wenn das Leipziger Forum f\u00fcr\nzeitgen\u00f6ssische Musik Liebeslieder im Bordell und Musik von Hanns Eisler im\nArbeitsamt auff\u00fchrt, ist das nicht unbedingt subtil, aber einleuchtend. Es geht\nauch abstrakter: Die Epochen von Architektur und Musik, die Symmetrien von Raum\nund Klang oder Akustik und Auff\u00fchrungpraxis k\u00f6nnen sinnf\u00e4llig miteinander in\nBeziehung treten. Das geschieht aber nicht immer. Oft w\u00e4hlt der Veranstalter\nnur einen Ort, der interessant erscheint, weil man ihn sonst nicht betreten\ndarf. Was dort gespielt wird, spielt eigentlich keine Rolle \u2013 Hauptsache, man\nkommt man ins Pumpspeicherwerk, ins leerstehende Schwimmbad, ins entkernte\nBotschaftsgeb\u00e4ude. Genau so banal sind die praktischen Kombi-Veranstaltungen:\nMusik im Museum oder im Aquarium bieten zwei Kulturereignisse auf einmal. Ein\nKonzert im <em>n\u00e4chtlichen<\/em> Museum ist nicht nur eine Kombi-Veranstaltung,\nsondern auch noch ein Besuch im sonst verschlossenen Raum. Diese Art der\nUngew\u00f6hnlichkeit ist nur gew\u00f6hnliches Marketing.<\/p>\n\n\n\n<p>Die andere Sorte Ungew\u00f6hnlichkeit ist vielleicht noch schlimmer. Sie sucht den Charme des Verfallenen: Industrieanlagen ohne Industrie, Kaufh\u00e4user ohne Waren, staatliche Bauten, f\u00fcr die kein Staat mehr Verwendung hat. Wir m\u00f6gen es offenbar, wenn Musiker in Ruinen der Zivilisation sitzen. Musik und Ruinenhintergrund m\u00f6gen auf den ersten Blick wie ein Kontrast erscheinen, der die gesellschaftliche Realit\u00e4t in Frage stellt, doch eigentlich bleiben hier keine Fragen offen, denn die Kunst scheint bereits gesiegt zu haben.&nbsp; Im ausgehenden 18. Jahrhundert liebte man von Pflanzen \u00fcberwucherte Ruinen als Sinnbild f\u00fcr die Macht der Zeit. \u201eDie Natur scheint die Pl\u00e4tze, die ihr die Baukunst geraubt hatte, mit einer Art von Triumph sich wieder anzueignen\u201c formulierte Christian Cay Lorenz Hirschfeld 1780 \u00fcber Ruinen in der Gartenbaukunst. <\/p>\n\n\n\n<p>Im heutigen Ruinen-Konzerten hat Kultur die Stelle der Natur eingenommen: Jeder Zweckbau wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von Musik \u00fcberwuchert, scheint ein solches Konzert zu sagen. W\u00e4hrend sich die Kultur die Pl\u00e4tze mit einer Art von Triumph wieder aneignet, bleibt dem Publikum nur, die dargestellte Allmacht der Kultur zu beklatschen. Wer in einem entkernten Supermarkt ein Streichquartett h\u00f6rt, statt dort einzukaufen, kann sich bedenkenlos auf der richtigen Seite f\u00fchlen. Kunst, die f\u00fcr dieses gem\u00fctliche Gef\u00fchl sorgt, ist aber eigentlich Kitsch.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u00a9<a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\"> Ann-Christine Mecke<\/a> 2013 | erschienen im Magazin <em>Klangwelten <\/em>1\/13<\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild: Caspar David Friedrich, <em>Klosterruine Eldena bei Greifswald<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oper im Schwimmbad, Tanztheater im Kaufhaus, Streichquartette im Heizungskeller \u2013 muss man denn \u00fcberall Musik machen? Aber ja! sagen die einen: \u201eUngew\u00f6hnliche Spielst\u00e4tten\u201c locken ungew\u00f6hnliches Publikum ins klassische Konzert. 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