{"id":510,"date":"2015-03-01T16:18:05","date_gmt":"2015-03-01T16:18:05","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=510"},"modified":"2021-09-07T14:17:05","modified_gmt":"2021-09-07T14:17:05","slug":"radikal-individuell-die-liedersaengerin-aus-connewitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/stimmen\/radikal-individuell-die-liedersaengerin-aus-connewitz\/","title":{"rendered":"Radikal individuell: Die Lieders\u00e4ngerin aus Connewitz"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war eine Aktion gegen den \u201eSystemrundfunk\u201c, wie ihn die Nationalsozialisten nannten: 1933 wurden insgesamt neun Rundfunkdirektoren der gro\u00dfen Radioanstalten verhaftet, 1934 wurden sie wegen Korruption angeklagt, aber das eigentliche, wenn auch nicht justiziable \u201eVerbrechen\u201c bestand darin, die Nazis vor 1933 nicht unterst\u00fctzt zu haben. Juristisch waren die Vorw\u00fcrfe kaum zu halten, und auch Fritz Kohl, der kaufm\u00e4nnischen Direktor der <em>Mitteldeutsche Rundfunk AG &#8211; Gesellschaft f\u00fcr drahtlose Unterhaltung und Belehrung Leipzig, <\/em>wurde schlie\u00dflich freigesprochen. Die Folgen f\u00fcr den deutschen Rundfunk waren trotzdem erheblich. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchrte die Verhaftung von Fritz Kohl dazu, dass seine Frau, die weltber\u00fchmte S\u00e4ngerin Elena Gerhardt ihre Heimatstadt verlie\u00df und ihre Lehrt\u00e4tigkeit in England fortsetzte. Wie es wohl ihre Art war, entschied sie schnell: Sie k\u00fcndigte die gemeinsame Wohnung ohne R\u00fccksprache mit ihrem Mann und plante die gemeinsame Auswanderung: \u201eNachdem er wieder nach Hause gekommen war, verbl\u00fcffte ihn meine Entscheidung zun\u00e4chst, aber schon bald wusste er, dass ich richtig gehandelt hatte\u201c schreibt sie in ihrer 1951 erstmals erschienenen <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Autobiographie (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/vkjk.de\/artikeldetails\/kategorie\/verlag-klaus-juergen-kamprad\/artikel\/mein-lieder-leben-memoiren.html\" target=\"_blank\">Autobiographie<\/a>, die Jutta Raab Hansen 2011 sorgf\u00e4ltig \u00fcbersetzt und mit informativen Anmerkungen versehen hat. Wieviele Tr\u00e4nen und wieviel Streit verbergen sich hinter diesem lakonischen Satz? Wir wissen es nicht. Die Auswanderung war f\u00fcr das Ehepaar mit erheblichen finanziellen Verlust verbunden, denn mehr als 100 Mark durften die beiden nicht mitnehmen. \u201eZum zweiten Mal hatten wir alles verloren: zuerst durch die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg und nun wegen des nationalsozialistischen Regimes\u201c. <\/p>\n\n\n\n<h3>Entscheidung f\u00fcrs Lied<\/h3>\n\n\n\n<p>Dennoch war der Verlust f\u00fcr das Leipziger Konservatorium\nwohl h\u00e4rter als f\u00fcr die S\u00e4ngerin selbst. W\u00e4hrend die Hochschule eine\nrenommierte Lehrerpers\u00f6nlichkeit verlor, fand Elena Gerhard sich schnell in\nLondon zurecht: Sie kannte die Stand bereits von Konzertreisen, hatte Freunde,\ndie sie unterst\u00fctzten, und fand bald neue Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler \u2013 an\nKonzerteinladungen mangelte es ihr ohnehin nicht. Auch \u00fcber Gesch\u00e4ftssinn\nverf\u00fcgte sie offenbar: Als mit dem Kriegsbeginn das Unterrichten schwierig\nwurde und keine Konzerte in deutscher Sprache mehr m\u00f6glich waren, organisierte\nsie sich eine Schallplattenaufnahme. Ihr Mann, der ehemalige\nVerwaltungsdirektor, z\u00f6gert wegen des finanziellen Risikos. Elena Gerhardt\nrechnet k\u00fchl die Anzahl der n\u00f6tigen Subskribenten aus und besorgte das\nerforderliche Kapital. Liest man die Autobiographie, kann man \u00fcber Pragmatismus\nund Optimismus dieser Frau nur staunen. Sie selbst nennt eine robuste\nGesundheit als gl\u00fccklichem Umstand, der ihre Karriere erm\u00f6glichte. Auch mit\neiner robusten Psyche war sie offenbar gesegnet, so dass sie R\u00fcckschl\u00e4ge gut\nverkraftete und einmal getroffene Entscheidungen nicht bereute.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1933 aber gab es wenig R\u00fcckschl\u00e4ge, dabei ging Elena\nGerhardt einen ungew\u00f6hnlichen Weg: Sie sang beinahe ausschlie\u00dflich deutsche\nKunstlieder. Nach einer Kindheit im damaligen Leipziger Vorort Connewitz und in\nLeipzig wurde sie 1899 im Alter von noch nicht ganz 16 Jahren im Leipziger\nKonservatorium aufgenommen. Dreieinhalb Jahre sp\u00e4ter verlie\u00df sie die Hochschule\nmit \u201ezwei Dutzend Konzert-Engagements in der Saison 1903\/1904\u201c. Damit galt\nElena Gerhardt in ihrer Familie \u00fcbrigens als Bummelstudentin, ihr Vater hatte\nzwei Jahre Ausbildungszeit f\u00fcr angemessen gehalten. Ma\u00dfgeblich und ausdauernd\nvon dem damaligen Gewandhausdirektor Arthur Nikisch gef\u00f6rdert, gelang ihr problemlos\nder Einstieg in die Freiberuflichkeit. Ihren ersten Liederabend gab sie noch\nw\u00e4hrend ihres Studiums im Leipziger St\u00e4dtischen Kaufhaus. Ein kurzes\nZwischenspiel an der Leipziger Oper, die damals Neues Theater Leipzig hie\u00df,\nf\u00fchrte zu der Entscheidung, sich aufs Lied-Repertoire zu konzentrieren. Genug\nKonzerteinladungen daf\u00fcr gab es, und so brachte Elena Gerhardt das deutsche\nKunstlied nach England, Frankreich, Russland, Spanien und in die USA; sie sang\nf\u00fcr die englische K\u00f6nigin, ein paar Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr die russische\nZarenfamilie; im Alter von 46 Jahren wurde sie Lehrerin an ihrer ehemaligen\nHochschule. <\/p>\n\n\n\n<h3>Kaum ein b\u00f6ses Wort<\/h3>\n\n\n\n<p>Beinahe zu glatt erscheint das alles: Konzertreisen, Geld, Kaviar, Geschenke, Schallplattenaufnahmen, Gesangssch\u00fcler. Elena Gerhardt schreibt selbstbewusst und bleibt dabei sachlich und h\u00f6flich. Kaum ein b\u00f6ser Satz findet sich in dem Buch, sogar f\u00fcr Konkurrentinnen findet die S\u00e4ngerin verbindliche Worte, und selbst aus schlechten Kritiken k\u00f6nne man etwas lernen, meint sie. Geheimnisse aus den K\u00fcnstlergarderoben, Sentimentalit\u00e4ten oder provokante Ansichten sucht man in diesen Memoiren vergeblich. Dabei w\u00fcrde man doch gerne wissen, mit welchen Selbstzweifeln und \u00c4ngsten der Entschluss, ausschlie\u00dflich Lieders\u00e4ngerin zu werden, verbunden war. F\u00fcr diesen Lebensplan gab es keine Vorbilder, zumal Liederabende um 1900 normalerweise mit einem gemischten Programm dargeboten wurden, nicht ausschlie\u00dflich mit Kunstliedern. Nicht einmal drei Seiten widmet Elena Gerhardt ihrer kurzen und wohl ungl\u00fccklichen Zeit als Operns\u00e4ngerin; sie erz\u00e4hlt von einer Probe, in der der Arthur Nikisch sie aufforderte, mehr Stimme zu geben. Aus Trotz, behauptet die S\u00e4ngerin, sang sie nur minimal lauter. Vielleicht war es diese Probe, in der ihr klar wurde, dass ihre Stimme \u201enicht kraftvoll und ihr Umfang nicht gro\u00df genug waren, um ernsthaft dramatische Rollen zu singen.\u201c Nur vier Vorstellungen sang sie als Mignon in Abroise Thomas\u2018 gleichnamiger Oper und als Charlotte in Jules Massenets <em>Werther. <\/em>Anscheinend entschied sie sich ebenso wie sp\u00e4ter bei der Emigration: schnell und ohne Reue.<\/p>\n\n\n\n<p>Mut und Entschiedenheit sind auch Charakteristika ihrer Interpretationen: Elena Gerhardt gibt jedem Lied eine radikal individuelle Ausdeutung. Das Ausma\u00df, in dem sie mit Verz\u00f6gerungen und Beschleunigungen arbeitet, erscheint uns heute pathetisch. Doch selbst wenn man den \u00e4sthetischen Wandel in Betracht zieht, den der Liedgesang in den vergangenen 100 Jahren durchgemacht hat, sind Gerhardts dokumentierte Interpretationen eigenwillig: F\u00fcr Franz Schuberts \u201eAn die Musik\u201c, von anderen S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern in 2 \u00bd Minuten vorgetragen, braucht sie 4 Minuten. Es w\u00e4re wohl noch l\u00e4nger, wenn ihr Klavierpartner Arthur Nikisch sich nicht erlauben w\u00fcrde, in den kurzen Zwischenspielen das Tempo etwas anzuziehen. Doch selbst in solch extremen Interpretationen ist Gerhardts Gesang nicht manieriert, nicht auf Originalit\u00e4t bedacht, sondern allein am gew\u00fcnschten Ausdruck orientiert. Vor allem die Vielfalt ihrer Stimmfarben und deren entschiedener Einsatz beeindrucken noch heute, trotz der beschr\u00e4nkten Aufnahmequalit\u00e4t. Der S\u00e4ngerspezialist Michael Scott vermutet, sie habe durch ihre \u201edramatisierende\u201c Singweise die Kommunikationsschwierigkeiten mit dem Publikum \u00fcberwunden \u2013 Elena Gerhardt sang immerhin in Originalsprache, und deutsche Kunstlieder waren einem amerikanischen, englischen oder franz\u00f6sischen Publikum eher fremd. Mit ihren intensiven Interpretationen gelang es der Leipziger K\u00fcnstlerin \u00fcber zwei Weltkriege hinweg, beinahe unbeeintr\u00e4chtigt von Ressentiments gegen\u00fcber deutschen Staatsb\u00fcrgern und kriegsbedingen Einschr\u00e4nkungen ein Repertoire zu pflegen, das heute selbst in Deutschland als schwer zu vermitteln gilt. \u201eKein anderer Lieders\u00e4nger in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts macht auf das Publikum in England und in den USA einen solchen Eindruck,\u201c schrieb der Pianist Gerald Moore, der \u00fcber zwanzig Jahre lang ihr k\u00fcnstlerischer Partner war. <\/p>\n\n\n\n<h3>In ihrer Zeit nicht n\u00f6tig<\/h3>\n\n\n\n<p>Die S\u00e4ngerin selbst war sich der vielen g\u00fcnstigen Umst\u00e4nde,\ndie ihre Karriere erleichterten, durchaus bewusst. Neben ihrer stabilen Gesundheit\nnennt sie die F\u00f6rderung durch Nikisch als solche Gl\u00fccksf\u00e4lle, ohne es\nzuzulassen, dass ihr Erfolg darauf reduziert werden k\u00f6nnte: \u201eIch musste seinen\nPrinzipien gerecht werden und kontinuierlich in jeder Hinsicht Fortschritte\nerzielen. Andernfalls w\u00fcrde sein Interesse bald nachgelassen haben und\nirgendwann verschwunden sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dass eine Karriere als exklusive Lieders\u00e4ngerin bereits nicht mehr m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, als sie ihre Autobiographie schrieb, war Gerhardt bewusst: \u201eIch denke oft, wie gl\u00fccklich ich war, meine Laufbahn am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen zu haben, und meine \u00f6ffentliche Anerkennung noch vor dem Ersten Weltkrieg auszubauen, als es noch keine Kinos, Radio oder Fernsehen gab. Heute m\u00fcssen junge S\u00e4nger in der Lage sein, alles zu machen, von Pantomime, musikalischer Kom\u00f6die bis Oper, Oratorium und Konzerten, nur weil sie ihren Lebensunterhalt verdienen m\u00fcssen. In der Zeit meines Deb\u00fcts war das nicht n\u00f6tig.\u201c <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u00a9<a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\"> Ann-Christine Mecke<\/a> 2015 | erschienen im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.gewandhausmagazin.de\" target=\"_blank\">Gewandhausmagazin<\/a> 86 (M\u00e4rz 2015) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine Aktion gegen den \u201eSystemrundfunk\u201c, wie ihn die Nationalsozialisten nannten: 1933 wurden insgesamt neun Rundfunkdirektoren der gro\u00dfen Radioanstalten verhaftet, 1934 wurden sie wegen Korruption angeklagt, aber das eigentliche,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":512,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[245],"tags":[316],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/510"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=510"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":707,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/510\/revisions\/707"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}