{"id":520,"date":"2017-06-01T11:02:27","date_gmt":"2017-06-01T11:02:27","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=520"},"modified":"2022-04-19T10:05:35","modified_gmt":"2022-04-19T10:05:35","slug":"werde-ich-tenor-wenn-ich-gross-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/stimmen\/werde-ich-tenor-wenn-ich-gross-bin\/","title":{"rendered":"Werde ich Tenor, wenn ich gro\u00df bin?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Frage, ob ein begabter Junge nach dem Stimmwechsel ein Tenor oder ein Bass wird, hat Chorleiter, Gesangslehrer und S\u00e4nger wohl schon immer besch\u00e4ftigt. Der Volksmund h\u00e4lt sogar eine Faustregel f\u00fcr die Vorhersage bereit: Aus Knabensopranen sollen h\u00e4ufig Bassisten, aus Knabenaltisten eher Ten\u00f6re werden. Verd\u00e4chtig an der Faustregel ist jedoch, dass sie relativ neu ist. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde n\u00e4mlich die These vertreten, dass die Stimme um genau eine Oktave sinkt und dass daher normalerweise aus einem Sopran ein Tenor, aus einem Alt ein Bass werden muss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die moderne Faustregel \u201eAltisten werden Ten\u00f6re\u201c gab es sogar einen genetischen Erkl\u00e4rungsversuch: Der Mathematiker Felix Bernstein postulierte 1923 ein Genpaar, das f\u00fcr die Vererbung der Stimmlage verantwortlich sei. Bei Frauen und Kindern w\u00fcrde die Anwesenheit des einen Gens eine Altstimme, bei M\u00e4nnern eine Tenorstimme hervorrufen. Entsprechend f\u00fchre die Anwesenheit des antagonistischen Gens zu einer Sopran- bzw. Bassstimme. Ein Sohn von einer Altistin und einem Tenor h\u00e4tte demnach mit Sicherheit als Kind eine Altstimme, sp\u00e4ter eine Tenorstimme. Grundlage f\u00fcr diese These war die statistische Analyse der Stimmlagen von 2000 Erwachsenen und 2800 Kindern. Nachdem Bernstein zus\u00e4tzlich einige komplette Familien untersucht hatte und seine Theorie best\u00e4tigt fand, betrachtete er die Vererbung der Stimmlage durch ein einziges Gen als erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen die statistische Auswertung, die Bernstein anwendete, ist grunds\u00e4tzlich nichts einzuwenden. Als der Mathematiker auf ganz \u00e4hnliche Weise die Verteilung von Blutgruppen untersuchte, leistete er einen bedeutenden Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Vererbung. Die Kriterien, nach denen man die Stimmlage eines Menschen festlegt, sind jedoch l\u00e4ngst nicht so klar wie die f\u00fcr die Blutgruppe. Biologisch ist die Annahme, dass die Stimmlage durch ein einziges Gen vererbt wird, das zudem bei Frauen und Kindern zu einem st\u00e4rkeren Kehlkopfwachstum f\u00fchrt, bei M\u00e4nnern jedoch zu einem geringeren, ziemlich absurd. Vermutlich hatte Bernstein es sich mit der Einteilung der Stimmlagen \u201enach subjektive[m] H\u00f6reindruck [\u2026] nach der Klangfarbe der Stimme\u201c ein bisschen zu einfach gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>So \u00fcberrascht es nicht, dass der Mediziner Fritz Mundinger 1951 Bernsteins Thesen eindr\u00fccklich widerlegen konnte. Mundinger nahm nicht nur die Klangfarbe der Stimme, sondern auch die Sprechstimmh\u00f6he, den Stimmumfang und die Lage der Register\u00fcberg\u00e4nge zur Grundlage seiner Einordnung in Stimmlagen. Keine der von ihm untersuchten 55 Familien verhielt sich so, wie Bernstein es voraus gesagt hatte. Damit kann man die These, dass es ein Tenor-Gen gibt, in die Schublade der am\u00fcsanten, aber widerlegten Theorien ablegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber gibt es vielleicht doch eine statistische Beziehung zwischen Knaben- und sp\u00e4terer M\u00e4nnerstimme, so dass Altisten zwar nicht immer, aber doch h\u00e4ufiger Ten\u00f6re werden? Es gab einige Versuche, den Zusammenhang zwischen Knaben- und sp\u00e4terer M\u00e4nnerstimme zu untersuchen. Allerdings ist es nicht einfach, wirklich aussagekr\u00e4ftige Statistiken zu erhalten. Welche Stimmlage einem S\u00e4nger zugeschrieben wird, h\u00e4ngt von verschiedenen Parametern ab, und gerade bei Kinderstimmen k\u00f6nnen sich die Kriterien von Chor zu Chor stark unterscheiden: Nicht immer werden Kinder nach dem Stimmklang eingeteilt, in manchen Ch\u00f6ren landen einfach diejenigen in die Unterstimme, die musikalisch am sichersten sind. Es ist auch nicht ungew\u00f6hnlich, dass Kinder im Laufe ihrer Gesangskarriere die Stimmlage wechseln. Und schlie\u00dflich gibt es Ch\u00f6re, in denen \u201eMezzosopran\u201c eine eigene Stimmlage ist, und andere, in denen es nur Sopran und Alt gibt. Statistiken, in denen Kinderstimmlagen aus ganz verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen zusammengefasst werden, sind daher problematisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite Schwierigkeit f\u00fcr solche Studien stellen Erinnerungsfehler da. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil aller Erwachsenen kann sich wohl zuverl\u00e4ssig an seine Kinderstimmlage erinnern. Trotzdem beruhen die meisten Statistiken auf den Erinnerungen der Befragten, denn eine Longitudinalstudie \u00fcber einen so langen Zeitraum w\u00e4re sehr aufw\u00e4ndig. <\/p>\n\n\n\n<p>Die erste systematische Untersuchung dieser Frage stammt von dem englischen Gesangslehrer Emil Behnke und dem Mediziner Lennox Browne. Behnke und Brown fragten in den 1880er Jahren mehrere hundert Lehramtsstudenten nach ihrer Kinderstimme und erhielten 295 Antworten. Die Antworten waren nicht vorgegeben, deshalb gab es auch einige ungew\u00f6hnliche Ausk\u00fcnfte; drei Personen gaben beispielsweise an, dass sie als Kind Tenor sangen und nun B\u00e4sse seien. Nach Abzug solcher Antworten und ohne Ber\u00fccksichtigung derer, die sich nicht erinnern konnten, ergab sich, dass 38% aller Knabensoprane und 37% der Knaben-Altisten Ten\u00f6re wurden. Bei einer \u00e4hnlichen Befragung unter 124 Freiburger Studenten im Jahre 1929 ermittelte Rudolph Schilling, dass 27% der Sopranisten und 19% der Altisten sich zu Ten\u00f6ren entwickelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der bereits oben erw\u00e4hnten Untersuchung von Fritz Mundinger wurden 41 S\u00e4nger (Gesangsstudenten, Opernchors\u00e4nger und Laienchors\u00e4nger) untersucht und \u00fcber ihre Kinderstimmlage befragt. W\u00e4hrend Mundinger die M\u00e4nnerstimmlage in einem aufw\u00e4ndigen Verfahren untersuchte, musste er sich bei der Kinderstimmlage auf das Ged\u00e4chtnis der M\u00e4nner verlassen. Nach dieser Untersuchung wurden 34% der Sopranisten, 40% der Mezzosopranisten und 25% der Altisten sp\u00e4ter Ten\u00f6re. Allerdings war in dieser Untersuchung einer relativ kleinen Gruppe die gro\u00dfe Mehrheit der Befragten der Ansicht, als Kind eine Sopranstimme gehabt zu haben, so dass die Prozentzahlen f\u00fcr die anderen Stimmlagen auf sehr wenigen Einzelf\u00e4llen beruhen. In einer Studie von 1977 ergab sich sogar, dass nur 5% aller Knaben-Altisten, aber 51% aller Sopranisten sp\u00e4ter eine Tenorstimme entwickelten. Diese Untersuchung ist allerdings nicht nur wegen der kleinen Stichprobe, sondern auch aufgrund inkonsistenter Zahlenangaben mit Vorsicht zu betrachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die bisher genannten, auf Erinnerungen basierenden Statistiken von zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Erwachsenen verm\u00f6gen also nicht zu \u00fcberzeugen: Die Stichproben sind oft zu klein, die Erinnerungen wohl immer unsicher. Vor allem aber sind die Kriterien, nach denen die Stimmlage festgestellt wurden, zweifelhaft und uneinheitlich. Zwei neuere Studien gibt es jedoch, die auf zuverl\u00e4ssigerem Datenmaterial beruhen. Thomas Pf\u00fctzner hat im Rahmen seiner Diplomarbeit die stimmliche Entwicklung von 347 Mitgliedern des Dresdner Kreuzchors ausgewertet. Die gesammelten Daten stammen von Chormitgliedern der Jahrg\u00e4nge von 1955 bis 1999 und beruhen auf Unterlagen des Chors, so dass Erinnerungsfehler ausgeschlossen sind. Dar\u00fcber hinaus haben alle untersuchten S\u00e4nger eine \u00e4hnliche Ausbildung durchlaufen und wurden nach \u00e4hnlichen Kriterien in die Stimmlagen eingeteilt \u2013 auch wenn sich diese Praxis im Laufe der Jahre ge\u00e4ndert haben mag. Eine \u00e4hnliche Untersuchung stammt von Horant Schulz: Er hat ehemalige Mitglieder des Windsbacher Knabenchors nach der fr\u00fcheren und der heutigen Stimmlage befragt. 269 M\u00e4nner fragte Schulz an, 168 davon beantworteten die Frage nach ihrer fr\u00fcheren und aktuellen Stimmlage. Man kann wohl vermuten, dass die ehemaligen Sch\u00fcler eines Internatschors mehrheitlich zuverl\u00e4ssige Erinnerungen an ihre Kinderstimmlage haben, dar\u00fcber hinaus hat auch diese Untersuchung den Vorteil, dass man hinsichtlich der Kriterien, nach denen die Stimmlagen zugeordnet wurden, von einer gewissen Einheitlichkeit ausgehen kann. Beide Untersuchungen beziehen sich auf einen \u00e4hnlichen Zeitraum und kommen zu \u00e4hnlichen Zahlen: Rund 40% aller jungen M\u00e4nner werden Ten\u00f6re, rund 60% werden B\u00e4sse \u2013 unabh\u00e4ngig von der Kinderstimmlage (vgl. Tabelle). Die geringen Unterschiede in den Anteilen sind statistisch nicht signifikant.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sieht also schlecht aus f\u00fcr irgendwelche \u201eFaustregeln\u201c im Hinblick auf die sp\u00e4tere Stimmlage. Belastbare Hinweise f\u00fcr die Behauptung, dass aus Altisten mehrheitlich Ten\u00f6re werden, gibt es jedenfalls nicht. Vielmehr deuten die \u00fcberzeugendsten Statistiken darauf hin, dass aufgrund der Kinderstimmlage keine Prognose \u00fcber die sp\u00e4tere M\u00e4nnerstimmlage m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<table class=\"wp-block-table\"><tbody><tr><td><strong>Untersuchung<\/strong><\/td><td><strong>Verteilung Kinderstimmen<\/strong><\/td><td><strong>Verteilung M\u00e4nnerstimmen<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>Pf\u00fctzer 2001<\/td><td>Sopran 266 (75%) <\/td><td>Tenor 97 (37%) Bass 169 (64%)<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td> Alt 91 (25%) <\/td><td>Tenor 38 (42%) Bass 53 (58%)<\/td><\/tr><tr><td>Schulz 2001<\/td><td>Sopran 104 (62%)<\/td><td>Tenor 40 (38%) Bass 64 (62%)<\/td><\/tr><tr><td><\/td><td>Alt 64 (38%)<\/td><td>Tenor 26 (41%) Bass 38 (59%)<\/td><\/tr><\/tbody><\/table>\n\n\n\n<p> Die beiden letztgenannten Studien geben auch Hinweise darauf, dass die Anzahl der M\u00e4nner, die sich zu Ten\u00f6ren entwickeln, zur\u00fcckgeht. Pf\u00fctzner stellte im Rahmen seiner Untersuchung von Daten des Dresdner Kreuzchors fest, dass der Anteil der Ten\u00f6re sich seit 1956 kontinuierlich reduzierte: Wurden von den S\u00e4ngern der Jahrg\u00e4nge 1956\u20131965 noch 42,5% Ten\u00f6re, waren es bei den Chormitgliedern der Jahrg\u00e4nge 1986\u20131993 nur noch 33,7%. Auch in der Statistik von Schulz findet sich dieser Effekt: W\u00e4hrend unter den Windsbacher S\u00e4ngern der Abiturjahre 1946\u20131977 rund die H\u00e4lfte aller Ehemaligen, die diese Frage beantworteten, Ten\u00f6re waren, waren es unter den S\u00e4ngern der Abiturjahrg\u00e4nge 1978\u20131996 nur noch rund ein Drittel. Dass die Stimmen heutiger junger M\u00e4nner tiefer sind als die fr\u00fcherer Generationen, ist jedoch nicht die einzige denkbare Erkl\u00e4rung. M\u00f6glich ist auch, dass sich die Anspr\u00fcche an einen Tenor ge\u00e4ndert haben oder dass man heute schonender mit den Stimmen der Heranwachsenden umgeht und sie im Zweifel in eine tiefere Stimmlage einteilt. Was die Ursachen f\u00fcr den sinkenden Tenor-Anteil auch sein m\u00f6gen, mit Sicherheit l\u00e4sst sich nur sagen, dass derzeit die Mehrheit aller jungen M\u00e4nner zu Bassisten wird. Wer also auf die Frage \u201eWerde ich Tenor, wenn ich gro\u00df bin?\u201c mit \u201eNein\u201c antwortet, hat eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen \u2013 unabh\u00e4ngig von der Stimme des fragenden Knaben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u00a9<a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\"> Ann-Christine Mecke<\/a> 2017 | erschienen im <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Vox humana (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/voxhumana-online.de\/\" target=\"_blank\">Vox humana<\/a> 2\/2017.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Text ist eine gek\u00fcrzte und \u00fcberarbeitete Fassung eines Abschnitts aus Ann-Christine Mecke; <em>Mutantenstadl. Der Stimmwechsel und die deutsche Chorpraxis im 18. und 19. Jahrhundert;<\/em> Berlin (Wissenschaftlicher Verlag Berlin) 2007. F\u00fcr die \u00dcbersendung seiner Originaldaten danke ich Thomas Pf\u00fctzner.<\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild: &#8222;Buff Orpington chick&#8220; von gina pina. Diese Datei ist unter der\u00a0<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/de:Creative_Commons\">Creative-Commons<\/a>-Lizenz\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/deed.de\">\u201eNamensnennung 2.0 generisch\u201c<\/a>\u00a0(US-amerikanisch) lizenziert. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob ein begabter Junge nach dem Stimmwechsel ein Tenor oder ein Bass wird, hat Chorleiter, Gesangslehrer und S\u00e4nger wohl schon immer besch\u00e4ftigt. Der Volksmund h\u00e4lt sogar eine Faustregel<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":526,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[245],"tags":[278,248,276,277],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/520"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=520"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/520\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":528,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/520\/revisions\/528"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}