{"id":534,"date":"2019-11-20T14:35:12","date_gmt":"2019-11-20T14:35:12","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=534"},"modified":"2021-07-07T08:51:22","modified_gmt":"2021-07-07T08:51:22","slug":"die-oper-und-das-werk-die-ermaechtigung-liegt-im-dialog-link","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/die-oper-und-das-werk-die-ermaechtigung-liegt-im-dialog-link\/","title":{"rendered":"Die Oper und das Werk: Die Erm\u00e4chtigung liegt im Dialog"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine Replik auf Janis El-Biras Kommentar <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/spex.de\/oper-und-werktreue-wir-wollen-verdi\/\" target=\"_blank\"><strong>Wir wollen Verdi<\/strong><\/a><strong> <\/strong>in SPEX.<\/p>\n\n\n\n<p>Janis El-Biras Darstellung ist bezeichnend: Weltweit erfreut sich das Sprechtheater an gest\u00fcrmten \u201eroten Linien\u201c, an \u00dcberschreibungen, in denen sich heutige Menschen gegen\u00fcber toten Meistern \u201eerm\u00e4chtigen\u201c \u2013 nur die Oper hat mal wieder nichts kapiert, sondern pr\u00e4sentiert ihren Zuschauer_innen das Immergleiche, devot gegen\u00fcber dem Popanz der Partitur. Immerhin: Ab und zu kommt jemand wie&nbsp;<a href=\"http:\/\/spex.de\/tag\/frank-castorf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Frank Castorf<\/a>&nbsp;vom Schauspiel r\u00fcber und zeigt den Opernfans, was alles m\u00f6glich w\u00e4re, wenn sie etwas weniger verbohrt w\u00e4ren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist typisch, ja. Aber nicht f\u00fcr die Oper, sondern f\u00fcr die Vorurteile gegen sie. Denn El-Biras Annahme, dass es im Opernbetrieb eine als heilig betrachtete Partitur g\u00e4be, die stets \u201eunber\u00fchrt\u201c bleibt, ist schlicht falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe noch keine Musiktheater-Produktion erlebt, bei der nicht Entscheidungen \u00fcber die musikalische Fassung getroffen wurden. Oft genug waren die Komponist_innen die ersten, die f\u00fcr verschiedene Auff\u00fchrungsbedingungen verschiedene Varianten komponierten. Manche Opern blieben unvollendet, andere sind unvollst\u00e4ndig \u00fcberliefert, sodass sich die Frage nach einem geeigneten Ende oder der passenden Instrumentierung stellt. Oder das Regieteam m\u00f6chte aus inhaltlichen Gr\u00fcnden auf ein Duett verzichten und ein Orchesterwerk als Zwischenspiel einbauen. Und selbst wenn solche \u00dcberlegungen einmal keine Rolle spielen, fragt sich sp\u00e4testens die Dirigentin oder der Dirigent, ob die durchgestrichenen Trompetent\u00f6ne im alten Orchestermaterial mit der besonderen Akustik dieses Opernhauses zu tun haben oder eher mit stimmlichen Schwierigkeiten eines S\u00e4ngers vor 50 Jahren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Vergangenheit entstanden viele Striche und Retuschen, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen: Die Musik erschien so, wie sie geschrieben war, zu lang, zu kompliziert oder zu schr\u00e4g. Da lie\u00df man lieber etwas weg oder korrigierte, was nicht mehr in die Zeit zu passen schien. Jahrzehntelang ist der Opernbetrieb damit besch\u00e4ftigt gewesen, sich von entstellenden Notenausgaben und weichgesp\u00fclten \u00dcbersetzungen zu befreien, und auch wenn dieser Prozess inzwischen weit fortgeschritten ist, kann es heute noch radikaler sein, eine Oper mit allen vorgesehenen T\u00f6nen zu spielen, als eine der bew\u00e4hrten Strichfassungen auszuw\u00e4hlen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Musiker_innen kreativen Ver\u00e4nderungen des Notentextes gegen\u00fcber oft skeptischer sind als Schauspieler_innen einem Dramentext gegen\u00fcber, hat mit diesem Erbe zu tun. Aber auch mit den Eigenheiten der jeweiligen Kunst: Bei einem Dramentext kann man Form und Inhalt trennen und beispielsweise den Text k\u00fcrzen und seinen Inhalt einigerma\u00dfen erhalten. Musik hingegen ist wesentlich Form: Wer etwa alle Wiederholungen von Melodien und Melodieteilen aus einer Haydn-Sinfonie streicht, erh\u00e4lt keine gek\u00fcrzte Haydn-Sinfonie, sondern etwas ganz anderes. Es gibt also eine rote Linie. Die jedoch ist beweglich: Wie viel man \u00e4ndern kann und will, ist f\u00fcr jede Oper und jede Produktion abzuw\u00e4gen und auszuhandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>In jedem Fall sind musikalische Striche, Erg\u00e4nzungen oder Umstellungen im Opernbetrieb selbstverst\u00e4ndliche Elemente der k\u00fcnstlerischen Gestaltung. Manche von ihnen bemerken nur Kenner_innen, andere setzen ein Ausrufezeichen. In der letzten Spielzeit konnte man beispielsweise erleben, wie am Theater Hagen Verdis&nbsp;<em>Simon Boccanegra<\/em>&nbsp;mit der letzten Szene begann und dann erst zu Ouvert\u00fcre und erstem Akt \u00fcberging. In Saarbr\u00fccken besteht eine&nbsp;<em>Medea<\/em>-Auff\u00fchrung aus der gleichnamigen Cherubini-Oper, einem gesprochenen Monolog von Heiner M\u00fcller und einem Chorst\u00fcck von Iannis Xenakis. Das Theater St. Gallen spielte eine Monteverdi-Oper in der spektakul\u00e4ren musikalischen Bearbeitung von Ernst Krenek. Im Theater L\u00fcbeck sa\u00dfen Zuschauer_innen im letzten Akt des<em>&nbsp;Freisch\u00fctz<\/em>&nbsp;an Biertischen auf der B\u00fchne und sangen das Lied vom Jungfernkranz, nachdem sie sich an der Beantwortung von Einb\u00fcrgerungsfragen versucht hatten. In Bremen steht eine&nbsp;<em>Rosenkavalier<\/em>-Fassung auf dem Programm, in der 21 Nebenfiguren eliminiert sind. Die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen; keines der eben genannten Beispiele ist \u00e4lter als ein Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fortschritt braucht Dialog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Fun fact<\/em>: Als ich mit Castorf f\u00fcr seine Stuttgarter Inszenierung der Gounod-Oper&nbsp;<em>Faust<\/em>&nbsp;\u00fcber die musikalische Fassung sprechen wollte, interessierte er sich herzlich wenig daf\u00fcr. Offensichtlich geht es ihm bei seinen Operninszenierungen nicht darum, die Musik mitzugestalten. Sondern vielmehr darum, eine von ihm als feststehend betrachtete Musik mit Vorg\u00e4ngen, Bildern und Texten anzureichern. Und bei allem Respekt vor dem gro\u00dfen Regisseur Castorf: Dass die Musik in einer Opernauff\u00fchrung f\u00fcr stumme Spielhandlungen oder Sprechtexte unterbrochen wird, hat er nun wirklich nicht erfunden. Es geh\u00f6rt zu den k\u00fcnstlerischen Mitteln, die in heutigen Opernauff\u00fchrungen selbstverst\u00e4ndlich zum Einsatz kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Eulen m\u00f6chte Janis El-Bira also nach Athen tragen? Gegen Ende seines Textes spricht er von seiner Vision: musikalische \u00dcberschreibungen und \u201eradikale\u201c Neufassungen bekannter Werke. Das gibt es tats\u00e4chlich eher selten an gro\u00dfen Opernh\u00e4usern, denn hier wird die Organisation kompliziert. Schlie\u00dflich kann so ein Remix oder musikalischer Kommentar schlecht \u00fcber Nacht von eine_r Dramaturg_in zusammengeschustert werden wie manche Textfassung im Sprechtheater. Man braucht daf\u00fcr ein_e Komponist_in, und die braucht Zeit zum Arbeiten. Und wenn er oder sie fertig ist, erh\u00e4lt man wiederum eine Partitur, \u00fcber deren Ausf\u00fchrung man streiten kann.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wenn man Musiktheater \u00fcberhaupt vom (Sprech-)Theater abgrenzen will, dann besteht der Unterschied wohl gerade darin: dass die Komposition in aller Regel der Erfindung der szenischen Vorg\u00e4nge vorausgeht, dass die Musik den Rhythmus, die Struktur des Abends wesentlich bestimmt. Welches Gef\u00fchl, welche Figur, welches Handlungselement bekommt Zeit und Aufmerksamkeit? \u00dcber diesen Fragen kann die Regie im Musiktheater zwar mitentscheiden, aber sie muss dazu in einen Dialog mit der Musik treten, die eben nicht dazu da ist, \u201esch\u00f6ne Stellen\u201c zu liefern, sondern eigene Schwerpunkte setzt. Auf diesen Dialog zu verzichten, w\u00e4re keine Erm\u00e4chtigung, sondern das Ausweichen in eine vermeintlich coolere Gattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so interessant moderne Bearbeitungen von alten Opern sein k\u00f6nnen: Wenn man schon eine_n Komponist_in und entsprechende Bedingungen hat, k\u00f6nnte sie oder er dann nicht gleich eine neue Oper schreiben? Gegen die Langeweile, die El-Bira anscheinend bei vielen Opernbesuchen empfindet, k\u00f6nnte dies das wirksamere Mittel sein. Denn in einem stimme ich dem Autor uneingeschr\u00e4nkt zu: \u201eKein Leben ist lang genug, um in seinem Verlauf mit drei\u00dfig uninspirierten Bebilderungen von\u00a0<em>Aida<\/em>\u00a0vollgem\u00fcllt zu werden.\u201c Selbst wenn es alles hochinspirierte\u00a0<em>Aida<\/em>-Interpretationen sind, halte ich f\u00fcnfzehn f\u00fcr v\u00f6llig ausreichend. In der verbleibenden Zeit k\u00f6nnten wir f\u00fcnfzehn neue oder bisher v\u00f6llig unbekannte Opern kennenlernen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Erschienen am 20. November 2019 in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/spex.de\/oper-und-werktreue-replik\/\" target=\"_blank\">Spex<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Replik auf Janis El-Biras Kommentar Wir wollen Verdi in SPEX. 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