{"id":619,"date":"2021-07-07T09:15:10","date_gmt":"2021-07-07T09:15:10","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=619"},"modified":"2022-07-17T18:20:01","modified_gmt":"2022-07-17T18:20:01","slug":"im-grenzgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/im-grenzgebiet\/","title":{"rendered":"Im Grenzgebiet"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu Calixto Bieitos <em>Carmen<\/em>-Inszenierung<\/p>\n\n\n\n<h3>Ein Kolportage-Roman wird Oper<\/h3>\n\n\n\n<p>Es sind die Randbereiche der spanischen Gesellschaft, in die uns die Vorlage zur Oper <em>Carmen <\/em>f\u00fchrt, Prosper M\u00e9rim\u00e9es gleichnamige Novelle: Soldaten mit krimineller Vorgeschichte, Schmuggler, Prostituierte, Fabrikarbeiterinnen und spanische Roma sind die handelnden Figuren. Erz\u00e4hlt wird in einer doppelten R\u00fcckblende: Der Erz\u00e4hler begegnet auf seiner Reise durch Andalusien einem gesuchten Kriminellen und mehrfachen M\u00f6rder: Don Jos\u00e9. Dieser erz\u00e4hlt seine Lebensgeschichte: Bei einem Streit in seinem baskischen<br>Heimatdorf hat er seinen Gegner mit einer Eisenstange get\u00f6tet, musste seine Heimat verlassen und landete beim Milit\u00e4r in Andalusien. Nachdem er die Bekanntschaft mit der Roma Carmen gemacht hat, ger\u00e4t er ins kriminelle Milieu: Er ersticht einen Leutnant, der ihm als Rivale um Carmens Gunst erscheint, und wird Mitglied ihrer Schmuggler- und R\u00e4uberbande. Die Bande ist skrupellos, nicht nur im Umgang mit den \u00fcberfallenen Opfern, sondern auch untereinander: Als Jos\u00e9 einen auf der Flucht angeschossenen Kumpanen tragen will, schie\u00dft ein anderer dem Verletzten ins Gesicht, damit er der Gruppe nicht zur Last f\u00e4llt und nicht identifiziert werden kann. Jos\u00e9 fordert Garcia, den offiziellen Partner Carmens, zum Duell und ersticht ihn, worauf der Anf\u00fchrer ihm erkl\u00e4rt: \u00bbH\u00e4ttest du Carmen einfach von ihm verlangt, er h\u00e4tte sie dir um einen Piaster verschachert!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Carmen verh\u00e4lt sich r\u00fccksichtslos: Als Kopf der Bande f\u00e4delt sie Schmuggelgesch\u00e4fte und Raub\u00fcberf\u00e4lle ein. Dabei wirkt sie v\u00f6llig unabh\u00e4ngig, bewegt sich autonom zwischen Sevilla, Gibraltar und Cordoba und trifft die M\u00e4nner ihrer Bande nur gelegentlich, um neue Pl\u00e4ne zu besprechen und Jos\u00e9 zu sehen, der sich als zunehmend eifers\u00fcchtig und aggressiv erweist. Sie hingegen schl\u00e4ft mit wohlhabenden M\u00e4nnern, l\u00e4sst sich daf\u00fcr bezahlen, nutzt aber vor allem die emotionale Abh\u00e4ngigkeit dieser M\u00e4nner aus, um sie in die Falle zu locken. Um Schmuggelaktionen zu erm\u00f6glichen, nimmt sie auch Wachsoldaten mit erotischen Mitteln f\u00fcr sich ein. Jos\u00e9 ermordet Carmen, weil sie sich weigert, sich nach dem Erkalten ihrer Gef\u00fchle weiter an ihn zu binden. Es ist eine geplante, vorbereitete Hinrichtung in einer einsamen Schlucht, und der Bandit schlie\u00dft seine Erz\u00e4hlung mit den Worten: \u00bbDie Kal\u00e9 [Roma] sind schuld, sie haben sie so erzogen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Carmen<\/em>-Novelle ist ein geschickt komponierter und mit Expertenwissen angereicherter Kolportage-Roman, den der Autor auf sein franz\u00f6sisches Lesepublikum zugeschnitten hat. F\u00fcr die darauf beruhende Oper milderten die Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Hal\u00e9vy die Kolportage-Elemente etwas ab: Bis zum Mord an Carmen, der in der Oper eher ein Totschlag im Affekt ist, begeht Jos\u00e9 keine schweren Verbrechen. Raub\u00fcberf\u00e4lle und Trickbetrug sind kein Thema, Prostitution wird lediglich angedeutet \u2013 die dargestellten kriminellen Aktivit\u00e4ten der Schmugglerbande beschr\u00e4nken sich auf n\u00e4chtlichen Warentransport. Carmen ist nicht mehr der autonom agierende Kopf der Bande, sondern Teil der Gemeinschaft; sie hat zwei Freundinnen an ihrer Seite und ihr Gesang findet stets Widerhall in der Gruppe, die in ihren Refrain einstimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz dieser Zugest\u00e4ndnisse bleibt die gewaltt\u00e4tige Stimmung der Novelle auch in der Oper erhalten \u2013 die kontroverse Reaktion auf die Urauff\u00fchrung beweist die Radikalit\u00e4t der Stoffwahl. H\u00f6chst ungew\u00f6hnlich war 1875 die Menge der auf der B\u00fchne gezogenen und eingesetzten Messer, Degen, Gewehre und Pistolen. Jos\u00e9 ist zwar kein Serienm\u00f6rder wie in der Novelle, zettelt aber mehrere bewaffnete K\u00e4mpfe an und muss von seinen Kontrahenten getrennt werden, bevor Schlimmeres geschieht. Und auch wenn das Opernlibretto ihm eine (abwesende) Mutter und eine potentielle ideale Ehefrau an die Seite stellt, bleibt er ein besitzergreifender und aggressiver Zeitgenosse, der selbst bei den Schmugglern unangenehm auff\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die Novelle spielt die Oper unter den Entwurzelten und Heimatlosen: Jos\u00e9 musste ebenso wie die meisten seiner Soldaten-Kameraden seine Heimat verlassen, die Roma sind ohnehin der Inbegriff der Nicht-Sesshaften, Escamillo reist als Stierk\u00e4mpfer von Corrida zu Corrida, und auch Mica\u00ebla befindet sich allein und schutzlos im fremden Land. Immer noch sind die Minderprivilegierten und Ausgesto\u00dfenen die handelnden Figuren: Arbeiterinnen einer Tabakfabrik, Soldaten, Roma und Kriminelle \u2013 lediglich der f\u00fcr die Oper hinzuerfundene Escamillo hat den sozialen Aufstieg geschafft.<\/p>\n\n\n\n<h3>Das spanische Grenzgebiet<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Andalusien des 19. Jahrhunderts war ebenso legend\u00e4r wie gef\u00e4hrlich: Die Bev\u00f6lkerung war arm, die Kriminalit\u00e4tsrate hoch und die Landschaft mit ihren Schluchten und Felsen kaum zu kontrollieren. Die N\u00e4he zu Gibraltar sorgte nicht nur f\u00fcr lebhaften Handel, sondern lockte auch Schmuggler und Bandoleros (Stra\u00dfenr\u00e4uber) an. Deshalb gab es einen hohen Bedarf an Soldaten, die aus Kriminellen und Versto\u00dfenen anderer Landesteile rekrutiert wurden. Zur Vorbereitung f\u00fcr ihre <em>Carmen<\/em>-Inszenierung (die beim Festival Peralada 1999 erstmals gezeigt wurde) reisten Calixto Bieito und sein Team durch den spanischen S\u00fcden. Den gesuchten Grenzbereich Europas fanden sie nicht mehr in Andalusien, sondern erst auf der afrikanischen Seite, in der spanischen Exklave Ceuta, die von Marokko umgeben ist. Heute ist uns die exponierte Lage der Stadt wohl noch pr\u00e4senter als 1999: Immer wieder versuchen Menschen auf der Flucht, den bereits mehrfach erh\u00f6hten Grenzzaun zu \u00fcberwinden, um in die Europ\u00e4ische Union zu gelangen. Gleichzeitig wurde der Schmuggel von Alltagsg\u00fctern lange Zeit stillschweigend geduldet, erst seit Kurzem will Marokko h\u00e4rter durchgreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Inspiriert von Bildern aus und um Ceuta entstand die <em>Carmen<\/em>-Welt dieser Inszenierung. Dabei fanden manche Elemente der Novelle den Weg zur\u00fcck in die Oper. Es ist wie M\u00e9rime\u00e9s Andalusien eine gef\u00e4hrliche und von Gewalt gepr\u00e4gte Welt, und wir sehen, wie ein M\u00e4dchen, vielleicht die Tochter von Merc\u00e9d\u00e8s, in diese Welt hineinw\u00e4chst. Von der realistischen Anmutung der Kost\u00fcme und Szenen sollte man sich dabei nicht t\u00e4uschen lassen: Diese <em>Carmen <\/em>spielt in einem poetischen Niemandsland. Kunstvoll werden nationale Symbole zitiert und durch Montage in Frage gestellt. Wir sind bei aller dokumentarischen Inspiration in einem k\u00fcnstlerisch verdichteten Raum, dessen Horizont immer von einer Barriere versperrt scheint. Grenzen, sagt Calixto Bieito, bedeuten immer auch Gefahr f\u00fcr diejenigen, die sie zu \u00fcberschreiten versuchen. Und fast alle Figuren versuchen, die Grenzen zu \u00fcberwinden, die Armut, Gewalt und Frustrationen ihnen setzen: Sie leben, lieben und feiern, und insbesondere in den szenisch gestalteten Zwischenspielen sp\u00fcrt man ihre Sch\u00f6nheit und ihre Sehns\u00fcchte, die sie sich nicht haben austreiben lassen. Carmen sticht durch ihr Selbstbewusstsein, ihre Leidenschaft und ihre Klarheit heraus, bleibt aber in Bieitos Inszenierung ein Mensch aus Fleisch und Blut. Sie lacht \u00fcber unser Stereotyp von einer \u00bbZigeunerin\u00ab im Flamencokleid sicher nicht weniger als \u00fcber Jos\u00e9s Behauptung, sie sei der Teufel.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Erschienen im <em>Carmen<\/em>-Programmheft der Wiener Staatsoper, Februar 2021.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Calixto Bieitos Carmen-Inszenierung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[234,230],"tags":[330,334,329,333,332,331],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/619"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=619"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":773,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/619\/revisions\/773"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=619"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}