{"id":626,"date":"2021-07-07T09:42:56","date_gmt":"2021-07-07T09:42:56","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=626"},"modified":"2021-07-24T17:12:46","modified_gmt":"2021-07-24T17:12:46","slug":"wie-faust-entstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/wie-faust-entstand\/","title":{"rendered":"Wie \u00bbFaust\u00ab entstand"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber Charles Gounods Oper <\/p>\n\n\n\n<p>Wer Goethes <em>Faust <\/em>kennt und erstmals das Libretto von Gounods gleichnamiger Oper liest, d\u00fcrfte irritiert sein: Faust will nicht \u00bbMit seinem Geist das H\u00f6chst\u2019 und Tiefste greifen\u00ab, sondern w\u00fcnscht sich einfach nur die Jugend zur\u00fcck. Einige Elemente der Handlung sind bis zur Unverst\u00e4ndlichkeit verk\u00fcrzt: Hat Marguerite wirklich ein Kind geboren und umgebracht? Wann haben sich Schwangerschaft und Geburt ereignet? Warum hat Faust Marguerite verlassen? Auch die gewitzt-philosophischen Gespr\u00e4che zwischen Faust und Mephisto aus der Goethe\u2019schen Vorlage sind verschwunden, stattdessen gibt es Gimmicks wie Blumen, die bei Ber\u00fchrung verwelken und Schwertgriffe als Kreuzsymbol, das den Teufel in die Flucht schl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>So eindrucksvoll die einzelnen Szenen der Oper sind, so mitrei\u00dfend und anr\u00fchrend die Melodien, so gelungen ihre Instrumentation \u2013 ihre Montage mutet oft seltsam an: Das bedeutungsvolle Thema der Ouvert\u00fcre entpuppt sich als Melodie der Arie einer Nebenfigur, nur dass sich diese Arie kaum als \u00bbMotto\u00ab der Oper interpretieren l\u00e4sst, wie es durch ihr Auftauchen in der Ouvert\u00fcre nahegelegt wird. Die Melodie, zu der sich Faust und Marguerite in die Arme sinken, erscheint in der Apotheose Marguerites erneut, und mitten im St\u00fcck verherrlicht ein donnernder Soldatenchor das Sterben f\u00fcrs Vaterland. Fast scheint es, als h\u00e4tte man es mit einem Pasticcio zu tun, also einer Oper, die aus verschiedenen Werken zusammengestellt wurde. Und so \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich auch: Die Entstehung dieser Oper zog sich \u00fcber so lange Zeit hin, so viele Personen brachten ihre Einzelinteressen ein, dass man kaum von einem geschlossenen Werk sprechen kann.<\/p>\n\n\n\n<h3><em>Faust <\/em>auf dem Pariser Boulevard<\/h3>\n\n\n\n<p>Goethes <em>Faust <\/em>war in den 1850er-Jahren in Paris ein ausgesprochen beliebter Stoff. 1827 war die franz\u00f6sische \u00dcbersetzung von G\u00e9rard de Nerval erschienen und begeistert aufgenommen worden; 1829 hatte Hector Berlioz auf Basis dieser \u00dcbersetzung seine Schauspielmusik <em>Huit sc\u00e8nes de Faust<\/em> komponiert, aus der 1846 die \u00bbL\u00e9gende-dramatique\u00ab <em>La Damnation de Faust<\/em> (<em>Fausts Verdammnis<\/em>) wurde. In den Boulevard-Theatern von Paris gab es diverse Versionen des Stoffes zu sehen, die allerdings st\u00e4rker dem Publikumsgeschmack als Goethes Text verpflichtet waren. Das \u00bbPhantastische Drama\u00ab <em>Faust <\/em>von Adolphe d\u2019Ennery etwa \u00fcberrascht mit einer zus\u00e4tzlichen weiblichen Teufelsgestalt namens Sulphurine, die Fausts Assistent Wagner mit alchemistischen Mitteln erschafft. Sulphurine sorgt zusammen mit dem anma\u00dfenden Wagner und dessen strohdummem Begleiter Fridolin f\u00fcr einige unterhaltsame Szenen. Auch M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s setzt seine magischen F\u00e4higkeiten sehr b\u00fchnenwirksam ein: Beispielsweise bringt er Faust, nachdem dieser Marguerite verlassen hat, ins sonnige Neapel. In der italienischen W\u00e4rme bilanziert Faust: \u00bbMarguerite, ein sanftes, ruhiges Kind, dessen Seele so kalt ist wie unser kaltes Deutschland.\u00ab Als ihn dennoch Schuldgef\u00fchle qu\u00e4len, zaubert M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s ihn in die Vergangenheit, wo die beiden den Vesuv-Ausbruch erleben, der die Stadt Herculaneum zerst\u00f6rte. Kurz: Adolphe d\u2019Ennery hat sich vor allem den Rat von Goethes Theaterdirektor zu Herzen genommen: \u00bbDrum schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dieser Version ist Michel Carr\u00e9s Phantastisches Drama <em>Faust et Marguerite<\/em>, das 1850 uraufgef\u00fchrt wurde und sp\u00e4ter zur Vorlage von Gounods Oper wurde, vergleichsweise unaufw\u00e4ndig. Aber auch Carr\u00e9 spart nicht mit Slapstick-Szenen und Humor, insbesondere in den vergeblichen K\u00e4mpfen Si\u00e9bels gegen M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s. Si\u00e9bel ist eine Erfindung Carr\u00e9s. Eine Figur dieses Namens gibt es zwar schon in Goethes <em>Faust I<\/em>. Dort handelt es sich jedoch nur um einen Studenten, der in Auerbachs Keller mit Mephisto aneinanderger\u00e4t und danach nicht wieder auftaucht. Bei Carr\u00e9 ist Si\u00e9bel ein Student Fausts, der zum Konkurrenten um Marguerite wird. Auch die Rolle des Valentin wird in Carr\u00e9s Theaterst\u00fcck deutlich vergr\u00f6\u00dfert. Daf\u00fcr verzichtet Carr\u00e9 v\u00f6llig auf das Motiv der Kindst\u00f6tung; Marguerite wird allein wegen ihrer Aff\u00e4re mit Faust von ihrem sterbenden Bruder verflucht, anschlie\u00dfend findet die Handlung schnell zur Aufl\u00f6sung und Apotheose Marguerites, w\u00e4hrend Faust und M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s zur H\u00f6lle fahren.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-container-1 wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\">\n<h3>Lange geplant<\/h3>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Gounod geriet fr\u00fch in den Bann des <em>Faust<\/em>-Stoffes. W\u00e4hrend seines Rom-Aufenthalts um 1840 las er begeistert in Nervals \u00dcbersetzung. Etwa zur gleichen Zeit entstand das Klavierst\u00fcck <em>A la lune<\/em>, das bereits eine Melodie aus dem Duett von Faust und Marguerite enth\u00e4lt. Ein Jahr sp\u00e4ter berichtet der Komponist seinem Bruder, dass er einzelne \u00bbEffekte\u00ab f\u00fcr <em>Faust <\/em>komponiert habe und hoffe, daraus eine Oper machen zu k\u00f6nnen. 1848 und 49 entstanden musikalische Skizzen f\u00fcr die Walpurgisnacht und die Kirchenszene \u2013 alles noch ohne Librettisten oder Urauff\u00fchrungsgelegenheit. <\/p>\n\n\n\n<p>Konkreter wurden die Pl\u00e4ne erst weitere sieben Jahre sp\u00e4ter, als Gounod mit Michel Carr\u00e9, Jules Barbier und dem mit ihnen verbundenen L\u00e9on Carvalho zusammentraf. Carvalho war Direktor des Th\u00e9\u00e2tre-Lyrique geworden, einer Nachwuchsschmiede der Pariser Opernszene von bis dahin eher zweifelhaftem Ruf. Barbier sollte auf Basis des Theaterst\u00fccks von Carr\u00e9 ein Opernlibretto f\u00fcr Gounod entwerfen, das Carvalho dann auf die B\u00fchne bringen w\u00fcrde. Als sich allerdings herausstellte, dass ein Konkurrenztheater ebenfalls ein <em>Faust<\/em>-St\u00fcck plante (es war das \u00bbPhantastische Drama\u00ab von Adolphe d\u2019Ennery), dr\u00e4ngte Carvalho auf einen anderen Stoff, und die Arbeit am <em>Faust <\/em>wurde unterbrochen. Erst als sich erwiesen hatte, dass d\u2019Ennerys <em>Faust <\/em>trotz der eindrucksvollen B\u00fchneneffekte wenig erfolgreich war, konnten die Autoren ihre Arbeit fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Umarbeitung zum Opernlibretto n\u00e4herte Jacques Barbier die Geschichte wieder Goethe an: Er erg\u00e4nze Walpurgisnacht und Gef\u00e4ngnisszene und nutzte f\u00fcr viele Passagen nahezu w\u00f6rtliche \u00dcbersetzungen des Goethe-Textes. Auch die Kindst\u00f6tung fand seinen Weg zur\u00fcck ins Libretto. Gleichwohl blieben Elemente des Boulevardst\u00fccks erhalten: der Teufel als b\u00f6ser Magier, der nicht philosophiert, sondern mit pragmatischen Tricks beim Frauen-Erobern und Fechten hilft, komische Szenen zwischen Si\u00e9bel, Marthe und M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s sowie manche Effekte aus der Theater-Trickkiste wie die verwelkenden Blumen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die so konzipierte <em>Faust<\/em>-Oper war eine Op\u00e9ra comique, d.h. die musikalischen Nummern waren durch Dialoge und Melodrame miteinander verbunden. Wichtige Teile der Handlung wurden in den Dialogen vermittelt, und insbesondere die Figuren Marthe, Si\u00e9bel und Wagner werden dort wesentlich charakterisiert. <\/p>\n\n\n\n<h3>Die Probenphase<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei den ersten Durchlaufproben stellte sich heraus, dass das St\u00fcck erheblich zu lang war, und so gab es zahlreiche K\u00fcrzungen. Gounod riss die betreffenden Nummern aus den Noten, die meisten Manuskriptseiten verschwanden und wurden erst lange nach Gounods Tod wiederentdeckt. Einiges davon ist bis heute verschollen und muss als dauerhaft verloren oder nie komponiert gelten, anderes ist inzwischen wieder zug\u00e4nglich. Zu den noch vor der Premiere gestrichenen Nummern geh\u00f6ren<\/p>\n\n\n\n<ul><li>ein Terzett zwischen Si\u00e9bel, Faust und Wagner aus dem 1. Akt <\/li><li>ein Abschiedsduett zwischen Marguerite und Valentin aus dem 2. Akt \u2022 ein zweiter, Cabaletta-artiger Teil von Fausts Arie im 3. Akt<\/li><li>Couplets (ein Strophenlied) von Marguerites Freundin Lise und ein<\/li><li>Chor junger M\u00e4dchen aus dem 4. Akt<\/li><li>Couplets \u00bbVersez vos chagrins\u00ab von Si\u00e9bel aus dem 4. Akt<\/li><li>Couplets des zur\u00fcckkehrenden Valentin aus dem 4. Akt<\/li><li>erhebliche Teile der Walpurgisnacht aus dem 5. Akt<\/li><li>eine mehrteilige Wahnsinns-Szene der eingekerkerten Marguerite im 5. Akt<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><span style=\"font-family: var(--text-font); font-size: 1.125rem;\"><\/span>M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s\u2019 Spottlied im 2. Akt bereitete Gounod offenbar erhebliche Anstrengung: Singt der Teufel in Goethes <em>Faust <\/em>ein Lied \u00fcber den Floh, war f\u00fcr die Oper zun\u00e4chst ein Lied \u00fcber einen goldgl\u00e4nzenden Mistk\u00e4fer geplant, das kurz vor der Urauff\u00fchrung durch das Rondo vom Goldenen Kalb ersetzt wurde. Zuvor soll es vier weitere Versionen gegeben haben, die vom Theaterdirektor abgelehnt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ein ganz neues Element kam w\u00e4hrend der Proben hinzu: Der Soldatenchor. Er ersetzte ein Lied Valentins, in dem dieser berichtet, wie er in den Strapazen des Krieges stets von seiner Schwester geschw\u00e4rmt habe. Der Chor stammt aus einer anderen, unaufgef\u00fchrten Oper Gounods: <em>Ivan le terrible<\/em>. Auch wenn die weitgehenden \u00c4nderungen der Oper grunds\u00e4tzlich gutgetan haben \u2013 die erste Version soll nahezu f\u00fcnf Stunden gedauert haben! \u2013, haben sie gleichwohl zahlreiche Br\u00fcche und Inkonsistenzen erzeugt. So ist die besondere Beziehung, die Valentin mit seiner Schwester verbindet, ohne Duett und Couplets nahezu entfallen, Si\u00e9bel und Wagner stolpern ohne das Terzett uneingef\u00fchrt in die Handlung und die Walpurgisnachtszene wirkt fragmentarisch. Auch musikalische Verweise bleiben aufgrund von Streichungen in der Luft h\u00e4ngen, beispielsweise zitieren die Fl\u00f6ten das \u2013 nun nicht mehr vorhandene \u2013 Abschiedsduett der Geschwister, als Marguerite nach dem Lied vom K\u00f6nig in Thule an Valentin denkt. Gounod hatte jedoch in der Probenphase nur noch begrenzten Einfluss und war den Launen und Ideen des Theaterdirektors Carvalho ausgeliefert, der den Komponisten nach Augenzeugenberichten mehrfach zum Weinen brachte. Zudem musste in den Schlussproben noch der Tenor ausgetauscht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was schlie\u00dflich am 19. M\u00e4rz 1859 zur Urauff\u00fchrung kam, stand stilistisch bereits zwischen Op\u00e9ra comique und Grand op\u00e9ra: L\u00e4ngere Dialogpassagen gab es nur in den mittleren drei Akten, der erste und der f\u00fcnfte waren nahezu durchkomponiert und von den eher unterhaltsamen Nebenfiguren befreit.<\/p>\n\n\n\n<h3>Ver\u00e4nderungen nach der Urauff\u00fchrung<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit der Urauff\u00fchrung gelangte die Genese der Oper keineswegs zu ihrem Abschluss. Erste \u00c4nderungen am Th\u00e9\u00e2tre-Lyrique gab es 1861, als <em>Faust <\/em>wiederaufgenommen wurde. Da eine Auff\u00fchrung mit gesprochenen Dialogen au\u00dferhalb Frankreichs kaum denkbar war, begann Gounod schon bald nach der Premiere mit der Komposition von Rezitativen, die die Dialoge und Melodrame ersetzen sollten. 1860 kamen sie in Stra\u00dfburg erstmals zur Auff\u00fchrung und verdr\u00e4ngten die Comique-Fassung bald ganz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne die Dialoge jedoch werden vor allem Si\u00e9bel, Marthe und Wagner erheblicher Charakteranteile beraubt. Da vor allem unterhaltsame Szenen entfielen, wirken die \u00fcbriggebliebenen nun erst recht wie Fremdk\u00f6rper. Am h\u00e4rtesten haben die Ver\u00e4nderungen Wagner getroffen: In der urspr\u00fcnglich geplanten Fassung ist er ein praktisch veranlagter, lebensfroher Medizinstudent, ein loyaler Freund Valentins und Si\u00e9bels, der sein Studium zugunsten der k\u00f6rperlichen Herausforderungen des Krieges an den Nagel h\u00e4ngt. Im vierten Akt kann der heimkehrende Valentin dem ersch\u00fctterten Si\u00e9bel nur noch berichten, dass ihr gemeinsamer Freund in einem \u00bbm\u00f6rderischen Krieg\u00ab gefallen ist. In der heute \u00fcblicherweise gespielten Fassung erscheint Wagner hingegen erst im zweiten Akt als trinklustiger Soldat, dessen Name nicht weiter erw\u00e4hnt wird. Er ger\u00e4t in Konflikt mit M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s und verschwindet dann sang- und klanglos aus der Handlung, w\u00e4hrend die heimkehrenden Soldaten vom Krieg schw\u00e4rmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u2013 ohnehin nur ausschnittweise erz\u00e4hlte \u2013 Geschichte des gemeinsamen Kindes von Faust und Marguerite wird in der Rezitativfassung weitgehend unverst\u00e4ndlich. In der Dialogfassung erf\u00e4hrt man von Marguerite zu Beginn des 4. Aktes, dass das Kind bereits geboren wurde und Faust sie nach dessen Geburt verlassen hat. Sp\u00e4ter neckt M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s Faust damit, dass er wohl vor den \u00bbVaterfreuden\u00ab geflohen sei. Ohne die Dialoge bleibt vom Kind nichts als eine einzige Bemerkung Fausts in der Kerkerszene \u00fcbrig: \u00bbIhr armes Kind, oh Gott, sie hat es get\u00f6tet.\u00ab Die Regie ist mit der Frage alleingelassen, ob Valentin seine Schwester schwanger oder an einer Wiege vorfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend die Probenphase und die ersten Auff\u00fchrungen zu K\u00fcrzungen gef\u00fchrt hatten, erfuhr die Oper bei ihrem Siegeszug durch Europa Erweiterungen. Und w\u00e4hrend ihre Gestalt bisher vor allem von einem Theaterdirektor geformt worden war, wirkten sich nun S\u00e4ngerw\u00fcnsche und Publikumsgeschmack auf diese aus: 1863 schrieb Gounod f\u00fcr eine italienischsprachige Auff\u00fchrung neue Couplets f\u00fcr Si\u00e9bel \u2013 sie waren ein sp\u00e4ter Ersatz f\u00fcr die in der Urauff\u00fchrung gestrichenen Couplets und wurden sp\u00e4ter ins Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt. Ein Jahr sp\u00e4ter fand in London eine englischsprachige Auff\u00fchrung statt, und diesmal bat der S\u00e4nger des Valentin um eine zus\u00e4tzliche Arie. Gounod entwickelte sie kurzerhand aus dem Hauptthema der Ouvert\u00fcre. Der Komponist betrachtete sie als eine Gelegenheitskomposition und wollte sie au\u00dferhalb von England nicht aufgef\u00fchrt wissen. Erneut aber hatte er kein Entscheidungsrecht mehr \u00fcber das Werk: Weder S\u00e4nger noch Publikum wollten auf die sch\u00f6ne Melodie verzichten, und so geriet sie in franz\u00f6sischer \u00dcbersetzung in die Partitur und geh\u00f6rt heute unstrittig zum Werk dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Erg\u00e4nzungen gab es zehn Jahre nach der Urauff\u00fchrung: F\u00fcr die Erstauff\u00fchrung an der Pariser Op\u00e9ra 1869 musste Gounod konventionsgem\u00e4\u00df ein Ballett nachkomponieren. Er reicherte daf\u00fcr die sehr knapp gefasste Walpurgisnacht-Szene durch ein siebenteiliges Tanz-Intermezzo an, au\u00dferdem entstanden f\u00fcr den S\u00e4nger des M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s weitere Couplets, in denen er sich als Gastgeber der Veranstaltung pr\u00e4sentiert. Beide Elemente geben der Walpurgisnacht mehr Gewicht, verst\u00e4rken aber zugleich ihren disparaten Charakter.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wechselvolle Geschichte hat die Kirchenszene, die mitten im Akt einen erheblichen Umbau erfordert. Die Szene lag urspr\u00fcnglich zwischen der R\u00fcckkehr der Soldaten und dem Tod Valentins. Dies machte es notwendig, dass Marguerite das Spinnrad nicht in ihrem Zimmer, sondern im Garten vor ihrem Haus aufgebaut hat \u2013 denn auf die klassische Szene \u00bbGretchen am Spinnrad\u00ab wollte man nat\u00fcrlich nicht verzichten. Aus b\u00fchnenpraktischen Gr\u00fcnden wurde die Kirchenszene aber bereits in der Urauff\u00fchrung auf das Ende des 4. Akts verschoben (wo sie auch in Goethes <em>Faust <\/em>positioniert ist). In sp\u00e4teren Auff\u00fchrungen wanderte die Kirchenszene manchmal auch vor die R\u00fcckkehr Valentins, je nach den M\u00f6glichkeiten und Grenzen von B\u00fchnenbild und B\u00fchnentechnik.<\/p>\n\n\n\n<h3>Und nun?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie soll man umgehen mit einer \u00dcberlieferungssituation, die erheblich von Entscheidungen gepr\u00e4gt ist, die nicht vom Komponisten getroffen wurden und oft sogar gegen seinen Willen? Mit einer Oper, deren \u00bbUrfassung\u00ab nicht vollst\u00e4ndig zu rekonstruieren ist? Und ist der (vermutete) Wille des Komponisten \u00fcberhaupt noch das Entscheidende, wenn die Rezeptionsgeschichte sich l\u00e4ngst ein \u00fcberaus erfolgreiches Werk \u00bbzurechtgeschliffen\u00ab hat? Dass dabei immer die wirksamste und nie die konsistenteste L\u00f6sung gewann, erscheint dabei nur passend f\u00fcr eine Oper, in der der sinnliche Genuss des Augenblicks im Zentrum steht. Gounods <em>Faust <\/em>ist eher ein Baukasten als ein geschlossenes Werk. Selbst wenn man sich (wie in dieser Auff\u00fchrung) an der \u00bb\u00fcblichen\u00ab Werkgestalt orientiert, sind zahlreiche Varianten m\u00f6glich und gut zu begr\u00fcnden. Der disparate und  fragmentarische Charakter l\u00e4sst sich jedoch nicht tilgen. In Frank Castorfs Regie erf\u00e4hrt er besondere Aufmerksamkeit \u2013 und sogar die Gattung Melodram h\u00e4lt mit Gedichten aus der Entstehungszeit wieder Einzug in die Oper.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Erschienen im Programmheft der Wiener Staatsoper zu <em>Faust <\/em>(April 2021)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Charles Gounods Oper<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[234,230],"tags":[337,336,335],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/626"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=626"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/626\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":641,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/626\/revisions\/641"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=626"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=626"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=626"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}