{"id":687,"date":"2021-08-27T16:51:54","date_gmt":"2021-08-27T16:51:54","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=687"},"modified":"2022-07-17T18:25:06","modified_gmt":"2022-07-17T18:25:06","slug":"morgens-um-vier-auf-dem-berggipfel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/morgens-um-vier-auf-dem-berggipfel\/","title":{"rendered":"Morgens um vier auf dem Berggipfel"},"content":{"rendered":"\n<p>Zuh\u00f6rer, die sich zwischen den Instrumentengruppen bewegen, die auf Sitzs\u00e4cken heruml\u00fcmmeln und Bier trinken oder \u00fcber das Programm abstimmen. Ensembles in verschiedenen Zimmern, durch die das Publikum wandert. Lichteffekte und Videoinstallationen zu Streichquartetten, ein Publikum auf Gymnastikmatten oder Musik im Dunkeln: Es ist einiges in Bewegung geraten in den Konzerts\u00e4len dieser Welt. \u00bbUngew\u00f6hnliche Konzertformen\u00ab erobern die Spielpl\u00e4ne vor allem von Festivals. Und: von wegen Konzerts\u00e4le! Parkh\u00e4user, Berggipfel und Minigolfpl\u00e4tze k\u00f6nnen die neuen Spielorte f\u00fcr klassische Musik sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Geht es denn nur noch um das Drumherum? Im Gegenteil, sagen die Gestalter solcher Konzerte. \u00bbEs geht ausschlie\u00dflich darum, die Wirkung der Musik so intensiv wie m\u00f6glich erfahrbar zu machen\u00ab, schreibt zum Beispiel Folkert Uhde, der wohl ber\u00fchmteste \u00bbKonzertgestalter\u00ab, um hier erst einmal eine unbelastete Bezeichnung zu w\u00e4hlen. Und um die intensivste Wirkung der Musik zu erreichen, gestaltet man nicht nur die Musik selbst, sondern auch die H\u00f6rbedingungen. Den Veranstaltern allerdings geht es nicht nur um das das intensive Musikerlebnis. Sie sind auch auf der Suche nach einem neuen Publikum, denn das alte ist oft genau das: ziemlich alt. Und es ist nur ein bestimmtes Milieu, das ins Konzert kommt, obwohl das Kulturleben doch von allen finanziert wird.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Nur wenn sie kommen &#8230;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Der Konzertsaal mit festen (meist zu engen) Sitzreihen, der Applaus beim Auftritt und nach den Werken (nicht aber zwischen den S\u00e4tzen!), die feierliche Kleidung auf dem Podium und im Publikum, die starre Rollenverteilung zwischen Solisten, Dirigent, Orchestermusiker und Zuschauern \u2013 all das kann auf potenzielle Besucher abschreckend wirken. Schon architektonisch stellen viele Konzerts\u00e4le die Musik auf einen Sockel der Anbetung, die Musiker werden buchst\u00e4blich unnahbar. Die Form des klassischen Sinfonie- oder Kammerkonzerts bildete sich unter bestimmten historischen Bedingungen f\u00fcr eine spezifische Gesellschaft heraus. Wenn sich gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern, m\u00fcssen sich vielleicht auch die H\u00f6rbedingungen in Konzerten \u00e4ndern. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin hat mit seinen \u00bbCasual Concerts\u00ab eine entsprechende Konzertreihe etabliert: K\u00fcrzer, preiswerter und sp\u00e4ter am Abend sind diese Konzerte, die Kleidung soll leger sein, der Dirigent des Abends moderiert das Konzert, und im Anschluss gibt es ein Lounge-Programm mit DJ. Solisten des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz suchen ihr neues Publikum im Rahmen von WG-Konzerten zu Hause auf. Und die in Berlin ans\u00e4ssige Lautten-Compagney verbindet in ihrer \u00bbBarocklounge\u00ab regelm\u00e4\u00dfig alte und elektronische Musik, das Publikum darf dabei trinken und sich unterhalten. Gerade mit Hilfe der Vermischung verschiedener Musikstile kann man auch erreichen, dass das Publikum beider Musikrichtungen sich vermischt. Manchmal geht es allerdings nicht nur darum, ein anderes, sondern \u00fcberhaupt ein Publikum zu finden, berichtet Wolfgang Katschner, der k\u00fcnstlerische Leiter der Lautten-Compagney: \u00bbZu einem Kammerkonzert mit Werken von Telemann kommt normalerweise keiner. Aber ein Wandelkonzert mit dieser Musik ist ein Event, das zieht mehr Publikum an. Und nur wenn sie kommen, k\u00f6nnen wir sie auch begeistern.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Grenze zu reinen Marketing-Events flie\u00dfend. Wenn die Tourneeproduktion \u00bbSchlafkonzert\u00ab Tiefenentspannung f\u00fcr Firmenevents verspricht (\u00bbAkku aufladen im Schlafkonzert\u00ab), geht es sicher nicht in erster Linie um die Musik. Auch traditionelle Raumwechsel wie die sommerlichen Open-Air-Konzerte vieler Orchester haben nicht den Zweck, Ravels \u00bbBol\u00e9ro\u00ab einmal mit Zikadenger\u00e4uschen zu verbinden, sondern sie sind Werbung \u2013 oder einfach ein j\u00e4hrliches Angebot f\u00fcr das Publikum, das sonst nicht kommen mag.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Einmal reicht nicht<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dass ungew\u00f6hnliche Konzertformen, wenn sie gut gemacht sind, auch ein bis dahin ungewohntes H\u00f6ren erm\u00f6glichen, kann man bei einem Wandelkonzert der Lautten-Compagney erleben: Mit einer Gruppe bis dahin fremder Menschen zieht man drei Stunden durch eine brandenburgische Kleinstadt, in Bestattungsinstituten und Buchhandlungen warten kleine Ensembles mit musikalischen \u00dcberraschungen. Allm\u00e4hlich etabliert sich zwischen allen Beteiligten eine entspannte und offene Kommunikation, die Neugier auf die n\u00e4chste Musik steigt und man sp\u00fcrt, welches Hindernis in normalen Konzerten das Gef\u00fchl darstellt, dank Programmzettel schon zu wissen, was kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ilka Seifert, die im Team mit Folkert Uhde Konzerte f\u00fcr Festivals, Konzerth\u00e4user und Ensembles gestaltet, meint sogar: \u00bbKlassische Konzertrituale verhindern Begegnung.\u00ab Hier spricht man bestenfalls mit seinen Begleitern, und die Kommunikation mit den Musikern beschr\u00e4nkt sich auf die musikalische Darbietung und den daf\u00fcr gespendeten Applaus. \u00bbEs ist unfassbar, was eine andere Gespr\u00e4chsatmosph\u00e4re f\u00fcr das H\u00f6ren ausl\u00f6st: Wir erleben Resonanzen, das Konzert wird zu einem wirklichen Gemeinschaftserlebnis.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ob solche besonderen Konzerte wirklich ein \u00bbneues\u00ab Publikum anlocken oder nur die kulturell ohnehin schon Interessierten, ist noch nicht untersucht. Publikumsstimmen machen Ilka Seifert aber sicher, dass jedenfalls mehr Besucher kommen<em>,<\/em> die es sonst eher selten ins Konzert treibt. Die Reaktion \u00bbWenn Konzerte immer so w\u00e4ren, w\u00fcrde ich \u00f6fter kommen\u00ab, verr\u00e4t aber auch: Wer glaubt, mit einem einmaligen \u00bbungew\u00f6hnlichen\u00ab Konzert ein neues Publikum anzulocken, dass fortan auch in \u00bbnormale\u00ab Konzerte kommt, t\u00e4uscht sich. Das neue Publikum w\u00fcnscht sich dauerhafte Ver\u00e4nderungen der Konzertform.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Sie nennen sich Designer<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das vielleicht edlere Ziel, mit Hilfe gezielt gestalteter H\u00f6rbedingungen die Wirkung der Musik zu unterst\u00fctzen, ist eng mit dem Wunsch nach einem neuen treuen Publikum verbunden. Denn wer ein Konzert als faszinierend, \u00fcberw\u00e4ltigend oder erkenntnisstiftend erlebt, kommt gerne wieder. Die M\u00f6glichkeiten der Gestaltung sind dabei nahezu endlos: Gezielt eingesetztes Licht steuert die Konzentration, andere K\u00fcnste wie Video oder szenische Mittel k\u00f6nnen musikalische Strukturen oder Inhalte betonen. Ein szenisches Ereignis mit Kost\u00fcm und Verhaltensregeln ist der Auftritt eines Orchesters ohnehin \u2013 eine andere Inszenierung legt das nur offen. Ganz unmittelbar ver\u00e4ndern alle Formen der Musikerkl\u00e4rung das H\u00f6ren, auch wenn moderierte Konzerte oder Gespr\u00e4chskonzerte wie \u00bbZweimal H\u00f6ren\u00ab keine Neuerfindung sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Raum ist oft der bestimmende Faktor f\u00fcr die Konzertgestaltung: Wie nah sind sich Musiker und Zuschauer? Wer einmal ein Konzert innerhalb des Orchesters oder Chors erleben durfte, wird die Wirkung der Entfernung vom Klang nie wieder untersch\u00e4tzen. Kann man die anderen Zuschauer sehen und mit ihnen interagieren? Wie kommuniziert die Musik mit dem Raum? Eng verbunden mit dem Raum sind Verhaltensregeln: Darf und kann oder muss man sich w\u00e4hrend der Darbietung bewegen? Erlebt man das Konzert im Stehen, Sitzen oder Liegen? Kleine Ensembles und Festivals haben hier ganz andere M\u00f6glichkeiten als gro\u00dfe Orchester und Konzerts\u00e4le mit fester Bestuhlung. Selbst die Beleuchtungsm\u00f6glichkeiten sind in vielen Konzerts\u00e4len arg begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Folkert Uhde, einer der Pioniere der umfassenden Konzertgestaltung, hat daf\u00fcr eine neue Berufsbezeichnung erfunden: Er und seine Teamkollegen bezeichnen sich als \u00bbKonzertdesigner\u00ab. Der Ausdruck soll deutlich machen, dass sie viel mehr gestalten als das Programm und die Reihenfolge der St\u00fccke \u2013 traditionell das Feld der Konzertdramaturgie. Patrick Hahn, k\u00fcnstlerischer Programmplaner des G\u00fcrzenich-Orchesters in K\u00f6ln und erfahrener Konzertdramaturg, betrachtet diese neue Berufsbezeichnung allerdings mit Unbehagen: \u00bbDesigner machen Produkte, die man kaufen kann, Konzerte haben aber Zuh\u00f6rer und keine Kunden. Es geht bei der Gestaltung eines Konzerts nicht darum, etwas zu verkaufen, sondern darum, einen Anlass f\u00fcr Kommunikation zu schaffen.\u00ab Auch Wolfgang Katschner von der Lautten-Compagney ist moderat skeptisch: \u00bbDas ist so ein Modewort wie \u203aKuratieren\u2039. Der Ausdruck transportiert das Versprechen, da w\u00fcrde etwas ganz Neues passieren, aber es geht um Programmgestaltung, das ist alles.\u00ab Dass man bei der Planung eines Konzerts das Licht, die Ensembleaufstellung und die Bestuhlung mit einbezieht, soweit es der Raum erlaubt, finden Hahn und Katschner auch f\u00fcr Dramaturgen selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Der Dirigent f\u00e4llt tot um<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ganz gleich, wie sie ihre T\u00e4tigkeit nennen, im Kern suchen Dramaturgen und Designer wohl doch dasselbe: Alle betonen die Wichtigkeit von Kommunikation, sowohl zwischen K\u00fcnstlern und Publikum wie auch unter den Zuh\u00f6rern. \u00bbEs entsteht einfach eine andere Beziehung. Die Distanz, die dem H\u00f6rerlebnis im Wege steht, verschwindet\u00ab, schw\u00e4rmt Katschner von gelungenen Experimenten. Er kennt nicht nur die Seite des Konzertplaners, sondern auch des Musikers aus eigenem Erleben. Mit Kommunikation ist aber nicht nur die sprachliche Kommunikation \u00fcber das Geh\u00f6rte gemeint, sondern auch die musikalische. Im Konzertalltag entsteht ein Programm schlimmstenfalls aus Gedanken wie \u201eBrahms w\u00e4r\u2018 mal wieder dran\u201c oder \u201eDer Starsolist hat gerade Haydn im Programm\u201c. Im Idealfall tauschen sich K\u00fcnstler und Konzertgestalter dar\u00fcber aus, welche Inhalte, Geschichten oder Zusammenh\u00e4nge sie vermitteln wollen, und Programm und H\u00f6rbedingungen dienen diesem Kommunikationsziel. Das vermitteln von Geschichten und Inhalten aber ist die Kernkompetenz von Dramaturgen, betont Hahn: \u00bbDie St\u00fccke eines Konzerts kommentieren sich gegenseitig. Das k\u00f6nnen wir f\u00fcr die Gestaltung nutzen. Spielen wir Wolfgang Rihm vor Anton Bruckner, stellen wir die Perspektive her, unter der wir auf Bruckner schauen.\u00ab Neben der Kommunikation, auch dar\u00fcber besteht Einigkeit zwischen Dramaturgen und Designern, ist die \u00dcberraschung ein wichtiges Element. \u00dcberraschung schaltet Vorurteile aus und verf\u00fchrt ins Offene: \u00bbWir wollen ja die Menschen geistig irgendwo hinbringen, wo sie noch nie waren. Das Konzert ist ein Angebot an die Wahrnehmung von etwas Unerh\u00f6rtem\u00ab, sagt Hahn.<\/p>\n\n\n\n<p>Apropros unerh\u00f6rt: Die ersten, die nicht nur die gespielte Musik, sondern auch die H\u00f6rbedingungen im Konzert gestalteten, waren nicht Konzertgestalter, sondern Komponisten. Ignorieren wir einmal jahrhundertealte Effekte wie im Kirchenraum verstreute Teilch\u00f6re oder \u00fcber die Opernb\u00fchne laufende Milit\u00e4rkapellen, sind es vor allem die Avantgarde-Komponisten der 1950er bis 70er Jahre: Die Pioniere der elektronischen Musik nutzten die Wirkung von im Raum verteilten Lautsprechern, was andere Komponisten inspirierte, auch mit konventionellen Instrumenten den ganzen Raum f\u00fcr die Klanggestaltung zu nutzen. Dass andere Kunstformen wie Lichtgestaltung, Literatur und Sprechkunst, Theater und Performance in die Konzertmusik einbezogen, regelrecht \u00bbeinkomponiert\u00ab wurden, stammt ebenfalls aus der Suchbewegung der musikalischen Avantgarde. So zwang Mauricio Kagel 1981 den Dirigenten von \u00bbFinale\u00ab (in der Urauff\u00fchrung war es Kagel selbst) zu einem szenischen Einsatz: Er musste scheinbar tot auf dem Podium zusammenbrechen. Klaus Lang verlangt f\u00fcr \u00bbfichten\u00ab (2003\/2004) erstmals ein liegendes Publikum, heute kann man auch ein Mozart-Streichquartett liegend h\u00f6ren. Auch das Erkl\u00e4ren von Musik innerhalb von Konzerten hat seine Wurzeln in der Neuen Musik, die lange als erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftiger empfunden wurde als Beethoven. So etablierten der Komponist Hans Zender und das Ensemble Modern Anfang der 90er Jahre die Gespr\u00e4chskonzert-Reihe \u00bbHappy New Ears\u00ab, in der jeweils ein einziges Werk im Mittelpunkt stand und \u00bbauseinandergenommen\u00ab wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch solche Angebote erreichen wieder nur das bildungsbeflissene Publikum. Patrick Hahn mag es deshalb, wenn solche au\u00dfermusikalischen Elemente auch mal \u00fcberraschend auftauchen: \u00bbWir hatten neulich ein Konzert, das ganz normal anfing: Fran\u00e7ois-Xavier Roth dirigierte ein modernes St\u00fcck, das Publikum guckte ins Programmheft oder auf die Uhr. Pl\u00f6tzlich bracht er ab, drehte sich um, sagte \u203aGuten Abend\u2039 und erl\u00e4uterte kurz die Musik.\u00ab Manche H\u00f6rer allerdings f\u00fchlen sich durch solche Interventionen zwangsbelehrt. Ein anderes \u00bb\u00dcberraschungsei\u00ab innerhalb des normalen Konzertbetriebs ist der von Markus Stenz zun\u00e4chst in den USA etablierte \u00bb3. Akt\u00ab, eine Variation der altbekannten Zugabe: Zus\u00e4tzlich zum angek\u00fcndigten Konzertprogramm spielt das Orchester ein \u00dcberraschungswerk. Erst beim Hinausgehen erhalten die Zuh\u00f6rer einen Programmzettel mit n\u00e4heren Informationen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da es das Wesen \u201eungew\u00f6hnlicher\u201c Konzerte ist, zu \u00fcberraschen und die Form f\u00fcr die jeweilige Musik neu zu erfinden, entstehen dabei nicht unbedingt neue Formen, die sich im Abonnements-Alltag etablieren k\u00f6nnen. Einen Einfluss auf den Alltag haben diese Experimente trotzdem. So stellt Wolfgang Katschner auch bei \u201etraditionellen\u201c Konzerth\u00e4usern eine Tendenz zu immer durchdachteren und experimentierfreudigen Programmen fest, auch wenn die Konzertrituale dabei nicht angetastet werden. Auf die Frage nach Elementen, die sich fast immer bew\u00e4hren, empfiehlt die Konzertdesignerin Ilka Seifert \u201edie r\u00e4umliche Trennung von Publikum und Musikern aufheben, wo immer es musikalisch und r\u00e4umlich m\u00f6glich ist. Je n\u00e4her die H\u00f6rer der Musik sind, desto besser ist das Erlebnis in der Regel.\u201c Au\u00dferdem ermutigt sie, die Zuschauer mehr mitbestimmen zu lasen. Nicht nur dar\u00fcber, wo und wie sie sitzen, sondern auch, was sie h\u00f6ren: \u201eMan ist \u00fcberrascht, wie anspruchsvoll und neugierig das Publikum ist, wenn es mitbestimmen darf, was gespielt wird\u201c. Au\u00dferdem h\u00f6rt man anders zu, wenn man ein Werk selbst ausgew\u00e4hlt hat und sich vielleicht sogar anderen Zuh\u00f6rern gegen\u00fcber daf\u00fcr einsetzen musste. Sie berichtet von einem Konzert des Mandelring-Quartetts, in dem das Publikum das gespielte Schostakowitsch-Streichquartett ausw\u00e4hlen durfte: \u201eDa bildeten sich \u00fcberraschende Koalitionen unter v\u00f6llig fremden Leuten, es war eine tolle Gemeinschaftserfahrung, die dann auch das H\u00f6ren befl\u00fcgelte.\u201c Und so ist ihr dritter Rat: Bringe Publikum und Musiker miteinander ins Gespr\u00e4ch, das sorgt f\u00fcr \u201eResonanzerlebnisse\u201c auch bei der musikalischen Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<h3><strong>Was man f\u00fcr Unsinn h\u00e4lt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das \u00bbstinknormale\u00ab, nichtmoderierte Konzert im Konzertsaal hat auch sein Gutes, schon rein praktisch betrachtet: Konzerts\u00e4le sind R\u00e4ume, die zum Musizieren und H\u00f6ren gebaut wurden. Zumindest die Konzertmusik seit 1800 wurde meist f\u00fcr solche R\u00e4ume komponiert. Und auch experimentierfreudige Musiker wie Wolfgang Katschner wissen die Qualit\u00e4ten eines konventionellen Konzerts zu sch\u00e4tzen: \u00bbIch spiele schon sehr gern in einem beheizten Saal mit guter Akustik, bequemen Garderoben gleich neben der B\u00fchne und so weiter. Es ist schon hart, wenn man stundenlang mit seinem Instrument durch Schlossgeb\u00e4ude oder Fabrikgel\u00e4nde irrt, weil die Garderoben sonstwo improvisiert wurden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst den oft geschm\u00e4hten, vermeintlich steifen Konzertritualen kann Konzertplaner Hahn etwas abgewinnen: \u00bbDie Stille vor dem ersten Ton und nach dem letzten Ton bildet eine Rahmung f\u00fcr die Musik \u2013 wie der Rahmen eines Bildes. Elias Cannetti sprach auch vom \u203aStocken der Masse\u2039 vor dem Einsatz der Musik. Auch die klassischen Konzertrituale sind gelernte Muster, mit denen wir arbeiten k\u00f6nnen. \u00dcberraschen kann man nur von einer Erwartungshaltung aus, also wenn alle denken, nach einer Musik senkt der Dirigent die Arme, es gibt Applaus und dann kommt das n\u00e4chste St\u00fcck. Folgt auf die Stille nach dem ersten St\u00fcck gleich das n\u00e4chste, ist man \u00fcberrascht und bringt das zweite Werk ganz anders mit dem ersten in Verbindung. F\u00fcr mich ist daher die eigentlich spannende Frage: Welche Stellschrauben kann man in der \u203aklassischen Form\u2039 drehen, ohne gleich alles in Frage zu stellen?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Es lohne sich aber, so Wolfgang Katschner, auch das auszuprobieren, was man anfangs f\u00fcr Unsinn halte: \u00bbWir waren mal zu einem Konzert bestellt, das morgens um vier anfangen sollte, zum Sonnenaufgang. Das fand ich bl\u00f6dsinnig. Aber dann haben wir es doch gemacht, und es war phantastisch, sehr poetisch und besonders.\u00ab Auch Patrick Hahn ist neugierig auf alles, was man im Musikh\u00f6ren erleben kann: \u00bbSechs Stunden im Bergwerk oder morgens um vier auf dem Berggipfel \u2013 ich will das schon alles ausprobieren!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u00a9<a href=\"http:\/\/www.acmecke.de\/\">\u00a0Ann-Christine Mecke<\/a>\u00a02022 | erschienen im\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.gewandhausmagazin.de\/\" target=\"_blank\">Gewandhausmagazin<\/a>\u00a0115 (Juni 2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gertmothes.de\/\" target=\"_blank\">Gert M<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Beitragsbild: Sunrise at Pinnacle Mountain, Feb 3, 2019 by Nick Gowen (Nngowen), <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\" target=\"_blank\">CC BY-SA 4.0<\/a>, via Wikimedia Commons<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuh\u00f6rer, die sich zwischen den Instrumentengruppen bewegen, die auf Sitzs\u00e4cken heruml\u00fcmmeln und Bier trinken oder \u00fcber das Programm abstimmen. 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