{"id":757,"date":"2022-07-17T15:36:18","date_gmt":"2022-07-17T15:36:18","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=757"},"modified":"2022-07-17T18:05:17","modified_gmt":"2022-07-17T18:05:17","slug":"alles-ist-neu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/alles-ist-neu\/","title":{"rendered":"Alles ist neu"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eWie Kino mit richtig geiler Filmmusik\u201c sei es, \u201eaber viel echter, und gleichzeitig viel mehr arty, verstehst du?\u201c\u2013 \u201eBl\u00f6dsinn! Es ist wie die abgefahrenste Performance, die du je erlebt hast, aber mit einer Geschichte.\u201c \u2013 \u201ePfft, Geschichte\u2026!\u201c Es war hei\u00df hergegangen, als Antons Freunde versucht hatten, die neue Kunstgattung in Worte zu fassen. War es nun \u201ekrass emotional\u201c oder \u201etotal intellektuell\u201c, was einen dort erwartete? Schlie\u00dflich hatte man sich geeinigt, dass Anton sich das eben selbst anschauen m\u00fcsste, denn das echte Erlebnis habe mit den Streamings und Fernseh\u00fcbertragungen \u201eabsolut nichts\u201c zu tun. Also gut, hatte Anton verk\u00fcndet, dann werde er sich den neuen hei\u00dfen Schei\u00df eben auch mal ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leichter gesagt als getan: Die Karten wurden im Darknet zu horren\u00adden Preisen gehandelt. Die Theater hatten den Onlineverkauf wegen der vielen Hackerangriffe eingestellt, Fans campierten tagelang vor den Theaterkassen (Antons Kumpel Julian war in einer Nacht beim Anstehen ein Zeh erfroren) und fielen sich jubelnd um den Hals, wenn sie eine Eintrittskarte ergatterten. Wann war es auch zuletzt vorgekommen, dass nicht nur ein neuer Stil, sondern eine ganz neue Kunstform erfunden wurde? Vielleicht hatte es eine Pandemie ge\u00adbraucht, um etwas zu erfinden, das alle bekannten Rahmen sprengte. Nun waren die sozialen Medien voll von echten und gefakten Erlebnisberichten, im Radio sprachen Wissenschaft\u00adlerin\u00adnen fasziniert vom \u201eaffektbetonten komponierten Dialog\u201c, S\u00e4nger und Dirigentinnen wurde im Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen \u00fcber die enormen Herausforderungen der neuen \u201eTrendperformance\u201c befragt. Kritiker versuchten, ihre Ergriffenheit in Worte zu fassen, Blogger analysierten Klavierausz\u00fcge und Regieb\u00fccher, w\u00e4hrend Youtube-Tutorials \u00fcber den Umgang mit ungewohnten Emotionen informierten, die die neue Kunst ausl\u00f6sen k\u00f6nnte. In Fr\u00fchst\u00fcckcerealien fanden sich ber\u00fchmte B\u00fchnenbilder als Bastelsets, bei Tictoc imitierten Jugendliche die besten S\u00e4nger-Moves.<\/p>\n\n\n\n<p>Heftig stritt man \u00fcber den richtigen Namen: \u201eMusiktheater\u201c fanden viele am treffendsten, andere hingegen zu profan. In den USA nannte man die neue Gattung \u201eMusical\u201c, was Julian als ein viel zu l\u00e4ppisches Adjektiv empfand. Er selbst sprach nur vom \u201edisparaten Gesamtkunstwerk\u201c. Eine italienischer Bloggerin hatte \u201eOpera\u201c vorgeschlagen, was ihr anfangs viel Spott eingebracht hat \u2013 dann k\u00f6nne man ja auch gleich \u201eSt\u00fcck\u201c sagen, fand Julian \u2013 sich dann aber doch international durchsetzte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei N\u00e4chte mit Schlafsack vor der Theaterkasse waren \u00fcberraschend vergn\u00fcglich. Anton kam mit den anderen Wartenden ins Gespr\u00e4ch; man berichtete von eigenen oder fremden Opern\u00aderfahrungen, versorgte sich gegenseitig mit hei\u00dfen Getr\u00e4nken und sprach \u00fcber Erwartungen an die Auff\u00fchrung, f\u00fcr die man Karten erwerben wollte. Es gab Fangruppen, die Melodien verschiedener Opern intonierten, und Nerds, die ungefragt Vortr\u00e4ge hielten. Anton erfuhr, dass das St\u00fcck, das er sich ziemlich willk\u00fcrlich ausgew\u00e4hlt hatte, auf einen antiken Mythos zur\u00fcckging, diesen aber mit der literarischen Sprache aus dem 19. Jahrhundert und Musik von heute kombinierte, wobei die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger sich bem\u00fchten, die entstandenen Widerspr\u00fcche in innere Widerspr\u00fcche ihrer Charaktere zu \u00fcbersetzen. Anton konnte sich das nicht recht vorstellen, aber seine Neugierde wuchs. Weiter vorne in der Schlange geriet eine Gruppe in Streit \u00fcber die Frage, ob Opern\u00adregie wirklich die Aufgabe habe, das Singen zu einer \u201ewahrhaften und unentbehrlichen \u00c4u\u00dferung\u201c zu machen. Es kam zu einem Gerangel, ein \u00e4lterer Herr trat schlie\u00dflich schimpfend den R\u00fcckzug an.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben Anton lagerte Leah, eine Musikstudentin, die sogar schon einmal selbst in der Oper gewesen war. Auf seine Bitte erkl\u00e4rte sie ihm den Unterschied von Arie und Rezitativ und sang ihm einige Leitmotive vor. Bald sprachen sie so angeregt \u00fcber das Ph\u00e4nomen der Zeitdehnung durch Musik, dass sie, als die Kasse pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete, nebeneinanderliegende Pl\u00e4tze erwarben und sich gegenseitig ihre Telefonnummern auf die Schlafs\u00e4cke schrieben. \u201e#Oper: bereits romantisch, bevor sie angefangen hat!\u201c, twitterte Anton eine Stunde sp\u00e4ter aus der hei\u00dfen Badewanne.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war wahnsinnig aufgeregt, als er endlich das Theater betrat, und h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, ob es wegen Leah war oder wegen des bevorstehenden Kunsterlebnisses. Gespannt lauschte er, wie die chaotisch flirrenden Orchesterinstrumente sich auf einen Stimmton einigten, w\u00e4hrend er Details des B\u00fchnenbilds betrachtete, in dem bereits eine Person auf- und abging. Das Licht im Zuschauerraum ging aus. \u201eWas jetzt kommt\u201c, fl\u00fcsterte Leah, \u201ehast du noch nie erlebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>(c) Ann-Christine Mecke 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Erschienen in Veit Sprenger (Hrsg.): Fanzine Level 20\/21, Berlin (Geheim Verlag) 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWie Kino mit richtig geiler Filmmusik\u201c sei es, \u201eaber viel echter, und gleichzeitig viel mehr arty, verstehst du?\u201c\u2013 \u201eBl\u00f6dsinn! 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