{"id":761,"date":"2022-07-17T15:57:33","date_gmt":"2022-07-17T15:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/?p=761"},"modified":"2022-07-17T17:55:58","modified_gmt":"2022-07-17T17:55:58","slug":"hui-sau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/serioes\/hui-sau\/","title":{"rendered":"Hui Sau!"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber \u00bbEingriffe\u00ab in den Text der <em>Entf\u00fchrung aus dem Serail<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Pedrillos \u00c4ngstlichkeit ist ein <em>Running gag<\/em> des zweiten Aktes. W\u00e4hrend der umst\u00e4ndlichen Vorbereitungen der Frauenbefreiung z\u00f6gert und zaudert er, bis es ihm selbst zu viel wird: \u201eEs ist doch um die Herzhaftigkeit eine erzl\u00e4ppische Sache. Wer keine hat, schafft sich mit aller M\u00fche keine an! Was mein Herz schl\u00e4gt! Mein Papa muss ein Erzpoltron [Riesenfeigling] gewesen sein\u201c, stellt er fest, als er zur Mandoline greift, und man kann sich vorstellen, wie ihm dabei die H\u00e4nde zittern. Als er Belmonte die Leiter h\u00e4lt, fasst er sich erneut ans Herz und kommentiert: \u201eEs wird immer \u00e4rger, weil es nun ernst wird.\u201c Und nat\u00fcrlich ist Pedrillo auch derjenige, der sich nach seiner Gefangennahme die bevorstehenden Strafen in den leuchtenden Farben ausmalt: \u201eMan macht schon alle Zubereitungen, um uns aus der Welt zu schaffen. Es ist erschrecklich, was sie mit uns anfangen wollen! Ich, wie ich im Vorbeigehen geh\u00f6rt habe, soll in \u00d6l gesotten und dann gespie\u00dft werden.\u201c Seine Freundin Blonde antwortet hingegen tapfer: \u201eDa es einmal gestorben sein muss, ist mir alles recht.\u201c, worauf Pedrillo antwortet \u201eWelche Standhaftigkeit! Ich bin doch von gutem altchristlichen Geschlecht aus Spanien, aber so gleichg\u00fcltig kann ich beim Tode nicht sein!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher kam dieser Running gag bei der Urauff\u00fchrung gut an. Nur einer h\u00e4tte wohl nicht dar\u00fcber lachen k\u00f6nnen, aber der war ohnehin nicht anwesend: Christoph Friedrich Bretzner, der Autor der Vorlage <em>Belmont und Constanze oder Die Entf\u00fchrung aus dem Serail, <\/em>denn Pedrillos ausgepr\u00e4gte \u00c4ngstlichkeit ist eine Zutat von Johann Gottlieb Stephanie und Mozart. Bretzner war emp\u00f6rt \u00fcber die Bearbeitung, allerdings vor allem \u00fcber die ver\u00e4nderten Gesangstexte. Im April 1783 lie\u00df er folgende Protestnote in der Berliner Literatur- und Theaterzeitung abdrucken: \u201eEs hat einem Ungenannten in Wien beliebt, meine Oper: <em>Belmont und Constanze oder die Entf\u00fchrung aus dem Serail<\/em> f\u00fcrs K.K. Nationaltheater umzuarbeiten und das St\u00fcck unter dieser ver\u00e4nderten Gestalt drucken zu lassen. Da die Ver\u00e4nderungen im Dialog nicht betr\u00e4chtlich sind, so \u00fcbergehe ich solches g\u00e4nzlich; Allein der Umarbeiter hat zugleich eine Menge Ges\u00e4nge eingeschoben, in welchen gar herzbrechende und erbauliche Verslein vorkommen.\u201c Als Beispiel f\u00fcr die schlechten \u201eVerslein\u201c zitiert Bretzner einen Auszug aus dem Quartett, die Passage, in der die M\u00e4nner ihrer Sorge um die Treue ihrer Frauen Ausdruck verleihen, und schlie\u00dft mit dem Ausruf \u201eDas hei\u00df ich verbessern!\u201c Vermutlich st\u00f6rte Bretzner in Wirklichkeit weniger der Wortlaut als die Tatsache, dass in Stephanies Text anders als bei ihm die Treue der Frauen ganz offen angezweifelt wird, doch eine Handhabe hatte er ohnehin nicht. Sein ohnm\u00e4chtiger Protest bringt uns heute angesichts der historischen Bedeutung von Mozarts Singspiel nur noch zum Lachen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der Librettotext f\u00fcr Mozart ein Gebrauchstext war, dem er keinen gro\u00dfen Wert beima\u00df, macht sein Brief an seinen Vater vom 26. September 1781 deutlich: \u201eDas hui \u2013 habe ich in schnell ver\u00e4ndert also: <em>Doch wie schnell schwand meine freude<\/em> etc: ich wei\u00df nicht was sich unsere teutsche dichter denken; \u2013 wenn sie schon das Theater nicht verstehen, was die opern anbelangt \u2013 so sollen sie doch wenigstens die leute nicht reden lassen, als wenn schweine vor ihnen st\u00fcnden. \u2013 hui Sau.\u201c Sein Librettist Stephani war f\u00fcr Mozart offenbar nur ein Handwerker, der sich seinen W\u00fcnschen zu f\u00fcgen hatte: \u201ealles schmolt \u00fcber den Stephani \u2013 es kann seyn da\u00df er auch mit mir nur ins gesicht so freundschaftlich ist \u2013 aber er arrangirt mir halt doch das buch \u2013 und zwar so wie ich es will \u2013 auf ein haar \u2013 und mehr verlange ich bey gott nicht von ihm!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unbestritten ist wohl, dass dieses Libretto ohne die Musik von Mozart l\u00e4ngst vergessen w\u00e4re. Und so stellt sich bei jeder Auff\u00fchrung die Frage, wie man mit den gesprochenen Dialogen umgehen soll, die eben nicht durch Musik veredelt werden. Es gibt Auff\u00fchrungen, die sie ganz weglassen, und solche, die sie durch ganz neue ersetzen. Meistens aber begn\u00fcgt man sich mit mehr oder weniger starken K\u00fcrzungen und Anpassungen. Von Pedrillos Hasenf\u00fc\u00dfigkeit blieb in der Textfassung der Wiener Staatsoper von 1991 nichts \u00fcbrig, ebenso erging es den entsprechenden Passagen in der am Burgtheater aufgef\u00fchrten Produktion von 2005. Auch andere kom\u00f6diantische Szenen wie etwa die, dass die Wache zun\u00e4chst den restalkoholisierten Osmin festnimmt, bevor sie die Flucht der Europ\u00e4er vereitelt, entfielen in beiden Fassungen. Dabei verfolgte die Fassung von 1991 die Absicht, den Dialog so knapp wie m\u00f6glich zu halten, die Sprache aber m\u00f6glichst wenig zu ver\u00e4ndern. Die Fassung von 2005 greift mit dem Ziel der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Verst\u00e4ndlichkeit weit entschiedener in den Text ein und macht aus \u201eSchurke, glaubtest du, mich zu bet\u00e4uben?\u201c schlicht: \u201eF\u00fcr wie bl\u00f6d h\u00e4ltst du mich eigentlich?\u201c \u2013 daf\u00fcr erh\u00e4lt diese Fassung insgesamt mehr Dialogtext und damit auch mehr Einzelheiten der Vorlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Strategien bei der Erstellung einer Textfassung sind unterschiedlich, doch dass <em>Die Entf\u00fchrung aus dem Serail<\/em> mit den vollst\u00e4ndigen Dialogen der kritisch-wissenschaftlichen Edition aufgef\u00fchrt wird, ist eine Rarit\u00e4t. Und das ist einerseits gut nachvollziehbar, denn oft wird in den Sprechtexten das gleiche verhandelt wie sp\u00e4ter im gesungenen Text, viele Formulierungen wirken ungelenk, und ob wir heute wirklich noch \u00fcber den \u00e4ngstlichen Pedrillo lachen k\u00f6nnten, dem die Standhaftigkeit seiner Freundin v\u00f6llig abgeht? Oder \u00fcber sein sexistisch angehauchtes Bekenntnis zum Alkoholismus? \u201eBin ich verdr\u00fc\u00dflich, m\u00fcrrisch, launisch: Hurtig nehm ich meine Zuflucht zur Flasche; und kaum seh ich den ersten Boden: Weg ist all mein Verdruss! \u2013 Meine Flasche macht mir kein schiefes Gesicht wie mein M\u00e4dchen, wenn ihr der Kopf nicht auf dem rechten Flecke steht; und schwatzt mir von S\u00fc\u00dfigkeit der Liebe und des Ehestands, was ihr wollt: Wein auf der Zunge geht \u00fcber alles!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch andererseits ist die Musik f\u00fcr genau diesen Text komponiert worden, und Pedrillos Zeilen im Schluss-Vaudeville \u201eWenn ich es je vergessen k\u00f6nnte \/\/ wie nah ich am Erdrosseln war \/\/ und all der anderen Gefahr; \/\/ ich lief, als ob der Kopf mir brennte\u201c sind besser nachvollziehbar, wenn man ihn schon zuvor als Hasenfu\u00df erlebt hat. Und w\u00fcrde die Piano-Begleitung des Erkennungsliedchens \u201eIm Mohrenland gefangen war\u201c nicht noch besser motiviert, wenn wir zuvor h\u00f6ren, wie Pedrillo seine fehlende \u201eHerzhaftigkeit\u201c beklagt?<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Ver\u00e4nderung des Textes ist eine Entscheidung, die die ganze Auff\u00fchrung betrifft \u2013 aber jede Nichtver\u00e4nderung eben auch. H\u00e4tten Stephanie und Mozart den Schiffer Klaas weiter Plattdeutsch sprechen lassen wie in der Vorlage von Bretzner, h\u00e4tte das Wiener Publikum der Szene nicht folgen k\u00f6nnen; bringt man heute den Sprechtext ungek\u00fcrzt zur Auff\u00fchrung, wird die Geschichte umst\u00e4ndlich, repetitiv und mit vielen schwer verst\u00e4ndlichen Ausdr\u00fccken erz\u00e4hlt. Es gibt f\u00fcr dieses Problem keine unschuldige L\u00f6sung \u2013 Rettung kann nur in einem kreativen Zugriff liegen, der das Zusammenwirken von Musik, Text und Szene ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Erschienen im Programmheft der Wiener Staatsoper zu <em>Die Entf\u00fchrung aus dem Serail<\/em>, Spielzeit 20\/21<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber \u00bbEingriffe\u00ab in den Text der &#8222;Entf\u00fchrung aus dem Serail&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[234,230],"tags":[363,366,121],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761"}],"collection":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=761"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":764,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions\/764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/acmecke.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}