Lügenlibrettistik

Die Anfänge der »Patriotischen Musikfreunde gegen die Islamisierung des Abendlandes« (Pamugida) waren unscheinbar: Bei Facebook riefen lediglich einzelne »besorgte Hörer« zum Boykott von Mozarts »Türkischem Marsch« auf. Doch mit wachsendem Erfolg wurde die Bewegung immer selbstsicherer: Demonstranten forderten, das Ballett solle vollständig auf die Pose »Arabesque« verzichten, weil diese der Islamisierung Vorschub leiste. Opern- und Konzertbesucher wurden als »Volksverräter« beschimpft, weil sie sich Werke wie »Scheherazade«, »Der Türke in Italien« oder die »Polowetzer Tänze« anhören wollten. Und als der muslimische Bassa in Mozarts»Die Entführung aus dem Serail« die Begnadigung der Serailflüchtlinge aussprach, riefen zahlreiche Zuschauer laut: »Lügenlibrettistik!« Dieser Protest führte allerdings zu einer allgemeinen Verwirrung, weil die Künstler auf der Bühne nur »Lischnlübreddisdik« verstanden – ein umsichtiger Requisiteur glaubte sogar, es würde dringend eine Liege benötigt, und brachte ein Feldbett in den Zuschauerraum.

Dann kam es zu den Gewalttaten am Kölner Hauptbahnhof, und die Pamugidas entdeckten ihr Herz für die Oper: »So sieht’s doch aus«, schallte es aus dem Zuschauerraum, als Monostatos sich der schlafenden Pamina näherte oder als Otello Desdemona erwürgte. Die Pamugidas wurden nicht nur zu Abonnenten, sondern auch zu Experten, die den Migrationshintergrund jeder Opernfigur, jedes Instruments und jeder musikalischen Verzierung kannten. Auch im Konzert gefielen sich die neuen Abonnenten nun in lauten Zwischenrufen wie: »Siehste! Das wird man ja wohl noch komponieren dürfen!«, wenn eine Tonleiter ungewöhnlich verteilte Halbtonschritte aufwies.

Intendanten, die verzweifelt ob ihrer neuen Fans in den Kulturministerien um Hilfe baten, stießen dort allerdings auf taube Ohren. Man sei froh, hieß es, dass die Leute von der Straße weg seien.


© Ann-Christine Mecke 2016 | erschienen im Gewandhausmagazin 90 (März 2016)

Beitragsbild: Gert Mothes

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