Tauchkonzert

»Guten Morgen, Herr Lange, ich lese gerade die Konzertkritiken. Hier schreibt jemand, beim Barfußkonzert vorgestern hätte es erbärmlich gestunken im Saal. Können Sie mir das erkl… Ach so, verstehe. Aber das ist doch peinlich, ich bitte Sie! Was?« – Konzerthausdirektorin Ziegler schnaubte ins Telefon. »Nein, das glaube ich wirklich nicht, das macht doch niemanden neugierig! Auf die Käsesorte vielleicht? Sie haben ja Humor. Und ich habe mir gerade den Rest Ihrer Konzertreihe noch mal angesehen.« Ziegler schob den Flyer mit der Überschrift »Aus dem Rahmen fallend – Unsere neuen Kammerkonzerte« auf dem Schreibtisch zurecht.

»Bitte? Ja, natürlich war das Saunakonzert sehr gut besucht. Kein Wunder bei dem Titel ›Hot‹ und diesem Arsch-und-Tittenplakat. Aber die Stromkosten haben doch alles wieder aufgefressen. Das hatten Sie völlig falsch kalkuliert. Ach, erzähln Sie mir doch nichts!« Nur mühsam riss sich Ziegler am Riemen. Es war ein Fehler gewesen, diesen externen Konzertkasper zu engagieren und ihm auch noch freie Hand zu lassen. Das Konzert im Autokino war ja noch ganz lustig, aber alles Weitere hatte nur Ärger gebracht.

»Weshalb ich vor allem anrufe: Sie sollten doch dafür sorgen, dass klassische Konzerte zugänglicher für neues Publikum werden! Und was finde ich hier? Ein Konzert in einer Unterwasserhöhle, die nur tauchend zu erreichen ist. Wer soll denn da kommen, noch dazu für den horrenden Eintrittspreis? Unzugänglicher geht es doch gar … Es ist mir egal, ob der Tauchkurs Teil des Konzerterlebnisses werden soll, Sie sagen das ab.« Ziegler strich die Veranstaltung wütend aus dem Flyer und malte einen rechtwinkligen Rahmen um die Überschrift. »Und den Papierkram mit der Unfallkasse wegen der Rückenverletzungen im Yogakonzert, den machen Sie selbst, ist das klar? Wiederhörn.« In der nächsten Saison würde die Kammerkonzertreihe wieder so aussehen, wie es sich gehörte.


© Ann-Christine Mecke 2017 | erschienen im Gewandhausmagazin 97 (Dezember 2017)