Schöner sterben mit Musik

Gelegentlich liest man von Musikliebhabern, sie seien zu den Klängen dieser oder jener wohlausgewählten Komposition gestorben. Ein schöner Gedanke: friedlich einschlafen zu Klängen, die eine bessere Welt erahnen lassen. Und natürlich sollte man zu diesem Anlass die Musik selbst auswählen. Wer als man selbst wäre dazu berufenden, den Soundtrack des zu Ende gehenden Lebens quasi auf ein Stück zu reduzieren, das sich den anwesenden Angehörigen ins Gedächtnis einbrennen muss als „die Musik, zu der X gestorben ist“. Ein wenig narzisstisch mag der Gedanke sein, aber mein Gott, man stirbt nur einmal.

Doch der Teufel steckt auch hier im Detail: Glücklich der Todgeweihte, der Wagner liebt. Beim „Ring“ bleibt genug Zeit zum geruhsamen Sterben. Auch eine Mahler-Symphonie bietet recht komfortable Bedingungen fürs Leben-Aushauchen.

Schwierig hingegen die Koordination von Tod und Musik für den Liebhaber der kleinen Form: „Musik. Hebe deine Augen auf“ ruft er mit vermeintlich letzter Kraft in Richtung Stereo-Anlage. Die Angehörigen schauen einander zweifelnd an. „Jetzt?“ fragen sie bang. Der Krankpfleger nickt ernst, der technisch begabte Neffe drückt den Knopf, und da hört man es schon, das zarte Terzett. Der Sterbende aber stirbt in diesen zwei Minuten nicht, wird vielmehr durch die Musik vorrübergehend ein wenig unruhiger, bis er der Aufforderung, die Augen gen Himmel zu wenden, dahingehend Folge leistet, dass er erschöpft, aber zweifellos weiterhin lebendig an die Decke starrt.

Betreten schauen die Angehörigen auf den Fußboden. „Nochmal?“ flüstert einer. Keiner mag antworten, der Pfleger richtet geschäftig das Kopfkissen, der technisch begabte Neffe bringt die CD vorsichtshalber noch einmal in Stellung. Es wäre kein Wunder, wenn später zu vermelden wäre, der Betroffene sei nach dem 50. Abspielen von „Hebe deine Augen auf“ zu den Klängen eines Familienkrachs friedlich eingeschlafen.


© Ann-Christine Mecke 2009 | erschienen im Gewandhausmagazin 63 (Juni 2009)

Beitragsbild: Gert Mothes