Kreativprämie

Das neuste kreative Projekt des Orchesters war ein voller Erfolg: Immigranten tanzten, was körperbehinderte Kinder zu Bildern von Studenten komponiert hatten; Schüler drehten einen Film über das Gesehene, Senioren entwickelten die Filmmusik dazu. Als alles im großen Finale zusammenkam, waren alle begeistert. Im Programmheft wurde auch schon die nächste Aufführung angekündigt: Die Schlagzeuger werden ihre Erlebnisse zu einer Oper verarbeiten, die von arbeitslosen Managern, straffälligen Jugendlichen und Kindern des evangelischen Kindergartens aufgeführt wird.

Seit der großen Kulturellen Offensive von 2029 steht „ästhetische Bildung“ endlich ganz oben auf allen Lehrplänen. Musikvermittlung wurde zur wichtigsten Aufgabe aller Opernhäuser und Konzertsäle. Anfangs hatten die Mitarbeiter der Bildungs- und Kulturbetriebe ihre Plätze getauscht, um mehr Verständnis füreinander zu entwickeln: Kindergärtner schrieben Violinkonzerte, Mathelehrer führten sie auf, während Dirigenten Chemie unterrichteten. Inzwischen haben sich die Berufsbezeichnungen längst überholt. Die Kreativprämie der Bundesregierung sorgt zudem für eine Vielzahl neuer Werke, bei denen Zuschauer und Mitwirkende, Proben und Aufführungen verschmelzen.

Natürlich hatte es Irritationen gegeben, als viele Bürger ihre Abonnements kündigten und stattdessen Mitwirkendenausweise des Theaters haben wollten. Doch seit der Personalausweis als Mitgliedskarte für alle Kultureinrichtungen der Bundesrepublik gilt, konnte die Verwaltung deutlich vereinfacht werden.

Auf wenig Verständnis stieß hingegen die Gründung eines autonomen pädagogikfreien Orchesters, das Sinfoniekonzerte für ein zahlendes Publikum anbietet. Der Bürgermeister bezeichnete die Probenarbeit ohne Zuschauer als „bedenkliche Nacht- und Nebelaktion“, die Bürger haben die Konzerte des Orchesters bisher weitgehend ignoriert.


Erschienen im Gewandhausmagazin 64 (September 2009)

© Ann-Christine Mecke 2009 | erschienen im Gewandhausmagazin 64 (September 2009)

Beitragsbild: Gert Mothes

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