Adieu, offene Luft!

Die Open-Air-Saison geht zu Ende, eine trostlose Zeit kommt auf uns zu. Wie werden wir sie vermissen, die knackenden Tribünengerüste, die klebrigen Plasteschalensitze, die kratzigen Picknickdecken und die Rotweinflecken. Die knisternden Regenhüllen, die Regenschirme im Sichtfeld und die Regenschirmstacheln an den Schultern. Die Sonnenbrände, die Mückenschwärme, die Mai-, Juni- und Julikäfer, die Wespenangriffe auf den Apfelkuchen in der Tupperdose. Die schwüle Sommerhitze und die eisige Nachtfrische. Die absurd weit entfernten See-, Schloss-, Felsen- und Waldbühnen mit den Abdeckplanen über dem Orchester. Die im Winde verwehten Arien und die im Donnergrollen untergehenden Violinsoli. Die rauschenden und klirrenden Lautsprecher mit der Schallverzögerung zwischen Bühne, linkem und rechtem Lautsprecher. Die kurzfristig abgesagten Konzerte, die plötzlich abgebrochenen Konzerte und die in enge Regen-Ersatzspielstätten verlegten Konzerte. Die Programme, die »Spanische Sommernacht«, »Eine musikalische Reise« oder einfach »Klassik für alle« heißen. Die aromatischen Dixi-Klos und die Schlangen davor.

Kurz: Eine trostlose Zeit liegt vor uns! Eine schreckliche Vorstellung, dass wir nun wieder gezwungen sind, ein gutes halbes Jahr lang Musik in wohlklimatisierten, insektenfreien Räumen erleben zu müssen, die zu allem Überfluss auch noch zum Zweck des Musikgenusses gebaut wurden. Mit Konzerten, die zwar für alle sind, aber nicht so heißen. Liebhabern wackeliger Zuschauertribünen, schlechter Akustik und kühler Luftzüge bleibt nun nur noch die Flucht zu Festivals, die Klassik an »ungewöhnlichen Orten« versprechen.


© Ann-Christine Mecke 2016 | erschienen im Gewandhausmagazin 92 (September 2016)

Beitragsbild: Gert Mothes

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