Gewagter Sprung

(für Demis Volpi)

Was er hier soll, fragt er sich. Er steht allein in einem fremden Saal, es riecht nach Schweiß, die Stange vor dem riesigen Spiegel fühlt sich klebrig an, und an der Wand hängen Bilder von dünnen Frauen und muskulösen Männern in einer Art Unterwäsche. Der Spiegel zeigt gnadenlos, wie anders er selbst aussieht. Der Gehrock spannt über dem Bauch, unter der Perücke juckt es, und als er sich vorsichtig auf die Zehenspitzen stellt wie die fremden Männer auf den Bildern, scheuert der Fersensporn am Schuh. Ratlos blickt er auf seine Füße. Sie können flink über Orgelpedale huschen, aber beim Laufen sind sie ihm manchmal im Weg. Als er wieder hochschaut, entdeckt er etwas Merkwürdiges: ein neumodisches, hochkant gebautes Klavier mit einladend geöffnetem Deckel.  Neumodische Bauweise oder nicht, damit kennt er sich aus!

Er schlägt ein paar Akkorde an und verzieht das Gesicht: verstimmt. Trotzdem versucht er es mit »Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut«; diese heitere Kantate erscheint ihm passend zu dem hellen, leeren Raum, und wie von selbst tanzen die Finger über die Tasten. Von irgendwoher setzt ein Chor ein, und er fragt sich nicht, woher und warum. Ist es nicht ein wundersamer Ort, dieser Spiegelsaal ohne irdischen Fürst und König? Warum sollten hier nicht die Wände singen? Als das Orchester hinzutritt, nimmt er die Hände vom Klavier. Warum nicht einfach die engen Schuhe ausziehen, wenn sonst niemand hier ist? Als er aufsteht, muss er über sein Spiegelbild schmunzeln: Ein dicker Mann läuft barfuß durch den Raum und schwingt ein bisschen unzüchtig die Hüften … Aber er kann nicht anders! Bach tanzt. Er holt mit den kräftigen Armen weit aus, malt Flöten- und Oboentriller mit den Fingern nach und lächelt. Ach, hätte er doch immer so viel Platz bei der Musik! Er wagt einen kleinen Sprung, dann einen größeren – und schwebt.


© Ann-Christine Mecke 2018 | erschienen im Gewandhausmagazin 99 (Juni 2018)

Beitragsbild: Gert Mothes

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