Alternativlos

Schön, dass Sie zurückrufen, Herr Komponist! Ja genau, wir würden gerne eine Sinfonie in Auftrag geben, ähnlich wie Beethovens Neunte. Also ähnlich in dem Sinne, dass wir sie im Repertoire haben können für festliche Anlässe: Silvester, Mauerfälle, die 100. Ausgabe unserer komischen Hauspostille, solche Sachen. Ja, gern auch so lang wie Beethovens Neunte. Das heißt: nicht länger, sie sollte unbedingt auf eine CD passen! Aber beim Orchester dürfen Sie ruhig etwas dicker auftragen, wie wäre es mit Wagnertuben oder Celesta? Wunderbar, das geht! Gralsglocken wären auch kein Problem.

Ein auskomponiertes Feuerwerk? Keine schlechte Idee, obwohl – am Ende klingt das wie Schlachtenmusik, und wenn wir das dann mal für einen Staatsbesuch spielen, denken alle, wir wollten irgendwo einmarschieren. Nein wirklich, lieber nicht.

Aber natürlich mit Chorfinale! Das ist doch die Hauptsache. Ja, mit Text. Schiller ist ja schon vergeben, wie wär’s mit Goethe? Ist ja noch eine Nummer staatstragender, ne? Warten Sie, das google ich gleich mal: »Ewig-Weibliche« sagten Sie? Das scheint mir heikel, diese Feministinnen … Ah, da kommt es, Faust II: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis«, na ja, Entschuldigung, aber für Feierstunden im Bundestag können wir das wohl gleich vergessen! Haben Sie nicht noch eine andere Idee? Wie wäre es mit Thomas Mann? Ach so, nicht singbar, die langen Sätze, das stimmt. Günter Grass finde ich gut! Aber nichts mit Brausepulver, das wird dann so anzüglich. Was, Celans Todesfuge? Ich glaube, Sie haben das mit den festlichen Anlässen nicht ganz … Ach, wissen Sie was? Ich hab mir gerade überlegt, wir bleiben doch bei der Neunten: »Freude, schöner Götterfunken«, ist doch super, das passt wirklich für jede Feier. Nee, tut mir leid. Wiederhörn!


© Ann-Christine Mecke 2018 | erschienen im Gewandhausmagazin 100 (September 2018)

Beitragsbild: Gert Mothes

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