Schatzsuche

»Also eher sandiger Boden. Alles klar, wir sind gleich da!« – Heiko Gruber legte auf und strahlte. Er liebte die Unberechenbarkeit seines Berufs. Manchmal saßen sie wochenlang an ihren Schreibtischen, säuberten Sonatenscherben und Sinfoniegerippe, sortierten sie nach Tonarten und glichen die Datenbanken ab. Und dann gab es plötzlich eine Notgrabung und alles musste sehr schnell gehen: Grabungsfeld abstecken, vorsichtig die Musik freilegen und alles sauber katalogisieren.

Gruber rief die Arbeitsgruppe zusammen: »Bei der Baustelle am Bahnhof hat ein Baggerfahrer einen summenden Widerstand bemerkt. Scheint etwas Größeres zu sein. Sandboden, feucht, Schutzkleidung Klasse II.« Seine Leute nickten freudig und suchten ihre Pinsel, Kellen, Kopfhörer und Dreiklang-Sensoren zusammen. Das Institut brummte vor Geschäftigkeit.

Heiko Gruber zog sich die Sicherheitsschuhe an. Was sie wohl heute finden würden? Ein verschollenes Streichquartett? Eine nie aufgeführte Oper? Vielleicht sogar einen komplett vergessenen Komponisten! Oder eine vergessene Komponistin – da gab es schließlich auch eine Menge. Gruber seufzte, als an seinen letzten spektakulären Fund dachte: ein polnischer Komponist, der heute in keinem Konzertsaal der Welt fehlen durfte. Doch diese Ausgrabung lag schon etliche Jahre zurück. Seitdem hatte er nur Allerwelts-Etüden zusammengeklebt und kaum noch etwas veröffentlicht. Die angebliche Schütz-Oper, die ein Gärtner beim ehemaligen Kloster fand, hatte sich als plumpe Fälschung erwiesen und die vermeintliche atonale Motette als früher Fußball-Fangesang. Aber heute beim Bahnhof, da würden sie etwas Interessantes ausgraben, er spürte das.


© Ann-Christine Mecke 2019 | erschienen im Gewandhausmagazin 105 (Dezember 2019)

Beitragsbild: Gert Mothes

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