14 Arten eine Platte zu hören

So viel wissen wir: Auf dem Plattenteller lag Hanns Eislers »Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben«. Später notierte Bertolt Brecht im April 1942 in sein Arbeitsjournal: »Höre bei Adorno Eislers Platten mit der Regenlyrik – sie ist sehr schön sie hat etwas von chinesischer Tuschezeichnung.«

Was für eine faszinierende Vorstellung: Bertolt Brecht und Theodor »Teddie« Adorno gemeinsam beim Plattenhören in Brentwood, Kalifornien! Gern würde man wissen: Saßen sie dabei bürgerlich gesittet in Adornos Wohnzimmersesseln? Futterten sie Frankfurter Kranz, den Gattin Gretel gebacken hatte, oder reichte der Gastgeber nur einen trockenen Keks? Oder lümmelten sie gar mit einem Flaschenbier in der Hand auf der Fensterbank? Erlaubte sich einer bei der melancholischen Musik eine kleine  Exilantenträne, oder hörte man streng analytisch? Schwiegen die beiden Heroen andächtig, oder kommentierten sie die Musik?  »Haben Sie das gehört, Teddie? Die Internationale!« – »Was?« Denn dass sich diese ideologisch uneinigen Gentlemen siezten, steht doch wohl außer Frage!

Waren noch andere Leute eingeladen, hatten die Adornos gar zu einer Platten-Soiree gebeten? Was wurde da noch aufgelegt? Die Hits des Jahres 1942 von Glenn Miller wohl kaum! Oder war Adorno gar nicht dabei, als Brecht sich mit Eislers »Regenlyrik« auseinandersetzte, sondern hatte ihm nur die Musikanlage angeschaltet? »Herr Brecht, da Sie gegenwärtig keinen Plattenspieler zur Verfügung sich halten« (auf die extravagante Positionierung des Reflexivpronomens hat Adorno sicher auch in kalifornischen Telefongesprächen nicht verzichtet), »kommen Sie doch vorbei und hören die Regenlyrik bei mir sich an! Gretel hat gerade frischen Eistee gemacht, und ich muss ohnehin weg.«


© Ann-Christine Mecke 2017 | erschienen im Gewandhausmagazin 96 (September 2017)

Beitragsbild: Gert Mothes

Schreibe einen Kommentar