Auch hochinvasiv

Unter festlichen, aber ungewöhnlich leisen Klängen wurde am vergangenen Freitag das Zentrum für Musikmedizin eröffnet. Lange hat Prof. Dr. Finkenbein, Spezialistin für Krankheiten der Satztechnik und Instrumentation, für dieses Zentrum und für ihre Patienten kämpfen müssen: »Ich bin stolz und dankbar, dass endlich künstlerische, medizinische und historische Kompetenz vereint sind, um die vielen hilfsbedürftigen Musikstücke angemessen betreuen zu können«, sagte sie im Gespräch mit unserem Magazin.

Das unscheinbare Gebäude bietet vielfältige moderne Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten: Ein digitales Screening ermittelt Lautstärke- und Geräuschanteile, um den Ursachen von Missempfindungen auf die Spur zu kommen. Patienten mit Quintparallelen und quälenden Trugschlüssen erhalten Krankengymnastik; Zwangsstörungen monotoner Begleitungen werden verhaltenstherapeutisch behandelt. Auch hochinvasive Therapien bietet das Zentrum an: »Vor allem bei manchen Übungskompositionen hilft nur noch eine Vorzeichen-Dialyse«, berichtet die Zentrumsdirektorin, »und bei bösartig wuchernden Leitmotiven ist eine Chemotherapie das Mittel der Wahl.« Dabei legt sie besonderen Wert auf ein individuelles Behandlungskonzept: »Was für einen Renaissance-Hymnus schon sehr schmerzhaft ist, findet eine Beethoven-Sonate noch ganz normal. Stockhausen-Kompositionen brauchen sogar Analysewerte, die für andere lebensgefährlich sind!«

In extremen Fällen kann freilich keine Heilung, sondern nur eine Verbesserung des Befindens erreicht werden, so Finkenbein: »Gerade große Orchesterwerke sind manchmal völlig überzüchtet. Es gibt Bruckner-Sinfonien, die am eigenen Körpergewicht zu ersticken drohen! Hier versuchen wir in Zusammenarbeit mit sehr sensiblen Dirigentinnen und Dirigenten, wenigstens etwas Linderung zu verschaffen.«


© Ann-Christine Mecke 2017 | erschienen im Gewandhausmagazin 95 (Juni 2017)

Beitragsbild: Gert Mothes

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