Schmutzige Ausdrücke

Typographie scheint eine besondere Faszination auf Tänzer auszuüben: 1926 formte die tschechische Choreographin Milca Mayerová die Buchstaben des Alphabets mit ihrem Körper. Nach einem anderen ABC tanzen Anthroposophenkinder seit fast hundert Jahren ihren Namen. Aus jüngster Zeit stammt das „Ballet Font Project“: Für diese Schriftart bilden nicht statische Körperformen, sondern Bewegungsabläufe die Grundlage. Zwei Solisten des Oregon Ballet tanzten die Buchstaben mit Leuchtdioden an Händen und Füßen. Die Bewegungen wurden gefilmt und aus den Spuren der Lichter das Alphabet abgelesen – 25 schwungvolle, gut lesbare Großbuchstaben und ein etwas unförmiges „M“. Nur: Was tun mit dieser Schrift? Mangels kleiner Buchstaben eignet sie sich nur bregenzt für Ballettzeitschriften. Und professionelle Ballerinas wollen wohl kaum ihren Namen tanzen.

Was aber, wenn die Tänzer aus Oregon gar keine neue Schrift erfunden, sondern uns den Schlüssel zu einer seit Jahrhunderten gepflegten Geheimsprache geliefert hätten? Als die Tanzwissenschaftlerin Dr. Sonja Schrittmeister zunächst „nur aus Spaß“ der Sache nachging, machte sie erschütternde Entdeckungen. So fand sie in „Schwanensee“ zahlreiche Aufforderungen zum Selbstmord – erkennbar sind diese jedoch nur, wenn man die Aufzeichnung rückwärts abspielt. Der Skandal, den „Le Sacre du Printemps“ bei der Uraufführung hervorrief, ist Schrittmeisters Forschungen zufolge nicht allein auf die Wildheit von Musik und Tanz zurückzuführen. Vielmehr hat Vaslaw Nijinsky auch schmutzige Ausdrücke in der Choreographie versteckt. „Es handelt sich um wirklich sehr unanständige Wörter auf russisch, französisch und deutsch, auf die das Publikum unbewusst reagiert haben muss“ erläutert Schrittmeister. Mit Wettbewerbsklagen sei außerdem zu rechnen, weil die Tanzschritte aus „Cats“ einen Tierfutterhersteller verunglimpfen. Verbraucherschützer fanden inzwischen auch versteckte Schuhreklame in manchen Aufführungen von „Cinderella“.


© Ann-Christine Mecke 2011 | erschienen im Gewandhausmagazin 72 (Dezember 2011)

Beitragsbild: Gert Mothes

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