Wurscht in Residence

Wissen Sie, angefangen hat das mit meinem Zahnarzt. Der fragte vor ein paar Monaten, ob er mein „Dentist in Residence“ werden könne. Ich sagte, „nee, Herr Doktor, nichts gegen Sie, aber als Mitbewohner möchte ich Sie nun auch nicht haben.“ Er hat mir das dann erklärt: Das ist so eine neue Marketing-Geschichte. Er muss gar nicht bei mir wohnen, ich sollte nur so ein Plakat bei mir hier an die Wurstbude hängen, dass eben er mein „Dentist in Residence“ ist. Und ich muss zweimal im Jahr vorbeikommen anstatt nur einmal und so weiter. Wie bei „Artist in Residence“ eben. Ich hatte ja keine Ahnung. Ich hätte ja vermutet, ein Artist in der Residenz ist ein Trapezkünstler in der Kaiserpfalz oder so. Dabei ist das ein Musiker. Der muss auch nicht da wohnen, wo er „Artist in Residence“ ist – im Gegenteil, denn wenn einer sowieso da wohnt, ist er ja nichts Besonderes mehr. Er gibt einfach nur ein paar mehr Konzerte als normal, und alle lernen sich besser kennen, und man schreibt das aufs Plakat und in den Lebenslauf. Priveligierte Partnerschaft. Also ist Dr. Justus jetzt mein Dentist in Residence. Wenn ich mal wieder eine Bewerbung schreibe, kommt das in meinen Lebenslauf.

Ich hab das dann meiner Frau erzählt, und die hat natürlich gleich Witze gemacht. Als ich gemeckert habe, dass es schon wieder Linsensuppe gibt, hat sie gesagt: „Das ist diese Woche der ‚Eintopf in Residence’“. Tja, und so hatte ich dann die Idee mit der Bratwurst. Also, die muss man jetzt auch nicht in der Kaiserpfalz auf den Sofatisch stellen oder bei sich wohnen lassen. Es reicht, wenn man regelmäßig hier vorbeikommt und sich ’ne Wurst mitnimmt. Und ich schreib dann hier auf die Tafel, bei wem meine Bratwurst überall Residenzen hat. Wer will, kann das auch in seinen Lebenslauf schreiben.


© Ann-Christine Mecke 2011 | erschienen im Gewandhausmagazin 71 (September 2011)

Beitragsbild: Gert Mothes

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