Kommt, wir spielen das noch mal durch! / Come on, let’s play it again

English Version below

Es war einmal: ein afrikanisches Land, in dem der größte Genozid nach dem Zweiten Weltkrieg verübt wird. Ein Theaterfestival in Ruanda, bei dem Künstler und Publikum jedes Jahr ihr Trauma verarbeiten. Eine Dramaturgin der Oper Stuttgart, die sich mitten ins Festival stürzt. Was das mit der Oper „Hänsel und Gretel“ zu tun hat, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

Kohlegeruch liegt in der Luft, als ich aus dem Flugzeug steige. Die meisten Ruander kochen mit Holzkohle – und so riecht es auch in der Hauptstadt Kigali. Der Geruch weckt Erinnerungen und Gefühle: Erst im März haben wir hier einen Film für die Stuttgarter Neuinszenierung der Oper Hänsel und Gretel gedreht. Diesmal bin ich hier, um zu erleben, was unsere Partner von der Theatergruppe Mashirika machen, wenn sie nicht gerade dabei helfen, eine deutsche Märchenoper in Afrika zu realisieren. Simon Rwema und Innocent Munyeshuri, die für unseren Film die Drehorte suchten, Passanten aus dem Bild komplimentierten und die Kinderdarsteller zu Höchstleistungen motivierten, sind nämlich selbst Schauspieler. Und Hope Azeda, die unsere Darsteller organisierte und bürokratische Hindernisse beiseiteschaffte, ist die Leiterin und Kuratorin des einzigen Theaterfestivals Ruandas, und das beginnt morgen.

Keine 24 Stunden später bin ich mittendrin. Der japanische Botschafter hat das Festival eröffnet, ein Kinderchor hat gesungen: »If you want to sing, if you want to dance, Rwanda ist the place to be.« Eine recht kühne Behauptung. Die Ruander sind sehr zurückhaltend, niemand singt und tanzt normalerweise in der Öffentlichkeit, Kulturveranstaltungen sind selten. Viele Besucher freuen sich das ganze Jahr auf das Ubumuntu-Theaterfestival, denn es gibt kein festes Theater. Es gibt nur eine Konzertmuschel in der Genozid-Gedenkstätte, aus der das Team um Azeda eine Theaterbühne macht. Vor uns liegen zwölf Stunden Aufführungen aus Ruanda, Indien, Großbritannien, Uganda, Schweden, dem Kongo und dem Libanon, mit Workshops und Diskussionen.

Die Stimmung im voll besetzten Amphitheater ist entspannt und fröhlich: »Wir feiern heute die Menschlichkeit! We are human together!«, wiederholt die nigerianische Moderatorin vielleicht ein bisschen zu häufig. Aber Versöhnung, Frieden und Sicherheit sind die großen Themen Ruandas, es geht darum, das Trauma des Genozids von 1994 zu überwinden. Wenige Meter neben dem Amphitheater wurden eine Viertelmillion Tote bestattet, ein Bruchteil ist erst identifiziert, und diese Viertelmillion sind nur ein Drittel der Mordopfer. Das Trauma lastet immer noch spürbar auf dem ganzen Land, und so ist Theater in Ruanda immer auch Therapie, Friedenspädagogik und Beschwörung der »positiven Werte«.

Und heute auch ein bisschen wie im Gottesdienst, denn nun sollen wir unseren Nachbarn begrüßen, »I love you« sagen und uns kennenlernen. Neben mir sitzt Samuel, ein smarter junger Mann, der das Festival zum zweiten Mal besucht. Er ist Jurist am Obersten Gerichtshof von Ruanda, parallel promoviert er in Tansania; wenn er etwas persönlich mit seiner Uni klären muss, fährt er dreißig Stunden mit dem Bus. Wir verzichten lachend auf das »I love you«..

Schon am Ende des ersten Abends steht fest: Ich habe selten ein so abwechslungsreiches Festival erlebt. Es wird gesungen, gerappt, getrommelt und getanzt, es gibt Videoprojektionen, Beatboxing, Poetry Slam, Kindertheater und einen Chor körperbehinderter Sänger. Alles wird offen und neugierig aufgenommen, doch besonders gut kommen die Tanzaufführungen an. Vielleicht weil der traditionelle Tanz hier eine lange Geschichte hat, während Sprechtheater erst in der Kolonialzeit ins Land kam und bis vor wenigen Jahren völlig unpopulär blieb. Mit viel Fantasie und Energie zeigen die Jungs der Street Dance Company aus Goma den ewigen Kampf um die Macht im Kongo. Sprachgewaltig hingegen eine junge Gruppe aus Kenia, die in Monologen die Opfer von Unruhen und Terroranschlägen zu Wort kommen lässt. We won’t forget macht erlebbar, wie sich die Spirale der Gewalt in Bewegung setzt; »Kenya is burning«, lautet der Refrain. Die Unruhen nach den Wahlen von 2007 haben alle noch deutlich vor Augen, und in einem Monat wird erneut gewählt in Kenia.

Auch in Ruanda übrigens, aber hier weiß man schon, wer gewinnt. Auf den Straßen sind nur die Farben der Regierungspartei zu sehen, alle anderen Parteien koalieren mit ihr oder sind chancenlos. Die Regierung hat Methoden, die gigantischen Zustimmungsraten für den Präsidenten Paul Kagame sicherzustellen. Unabhängig davon ist er tatsächlich beliebt, denn er steht für Frieden, Sicherheit und Versöhnung.

Fast jeder hier hat Gewalt erlebt, persönlich oder indirekt. Das spiegelt sich in den Aufführungen, in denen häufig die Opfer von Krieg, Vergewaltigungen, Familientragödien und Terrorismus im Mittelpunkt stehen. Das Theater gibt ihnen eine Sprache, eine Gestalt und den Zuschauern eine Möglichkeit der Auseinandersetzung. Was Theater kann, zeigen die staunenden, gerührten und lachenden Gesichter im Publikum. Die meisten ruandischen Stücke enden mit dem Aufruf, trotz allem die eigene Menschlichkeit nicht aufzugeben. »We celebrate humanity!«

»Frieden, Menschlichkeit, Solidarität … In meinen Workshops verbiete ich den Leuten als Erstes, diese Messe herunterzubeten. Sie kommt hier so oft. Und dann sagen wir alle ›Amen‹ und gehen nach Hause?«, fragt Frédérique Lecomte. »Ich will mich gar nicht lustig machen, die Leute hier haben so viel gelitten, diese Werte sind wichtig. Aber nur gute Absichten wiederzugeben hilft niemandem.« Lecomte gehört zur belgischen Gruppe Théatre et Réconciliation. Gemeinsam mit Amateuren aus dem Kongo, aus Burundi und aus Ruanda hat sie die Performance Superheroes of Cohesion entwickelt, Superhelden des Zusammenhalts. Die wilde, aus Improvisation entstandene Aufführung hat anarchischen Charme: Menschen mit Superhelden-Umhängen stürmen auf die Bühne und tauschen lautstark Vorurteile über Ruander, Burundier und Kongolesen aus. Das Publikum vergisst die ruandische Zurückhaltung und schreit vor Lachen – solche Dinge werden hier üblicherweise nicht laut ausgesprochen. Dann überbieten sich die Darsteller als Politiker, die das Blaue vom Himmel versprechen. Man brüllt, jubelt und singt Swahili, Französisch und in Kinyarwanda durcheinander – wie im echten Leben.

Während die ruandischen Beiträge meist mit einem versöhnlichen Appell enden, kommen aus den Nachbarländern widersprüchliche und zornige Stücke: Die politische Breakdance-Gruppe Spot Lite Crew aus dem ugandischen Kampala zeigt mit Desolation in Chains (Verzweiflung in Ketten) ein eindrucksvolles Tanztheater über Gefängnisgewalt – mit einem eher hoffnungslosen Ausgang. Obwohl die Gewalt hier stilisiert dargestellt wird, reagieren die Zuschauer um mich herum bei jedem Schlag und jedem Tritt erschrocken und berührt.

Als letzter Künstler tritt Daniel Mpilo Richards aus Südafrika auf. »Um den Typen hab ich mir ehrlich gesagt Sorgen gemacht«, erzählt Azeda. »Ein ganzes Programm mit nur einer Person, einem Stuhl und einer Gitarre – und das in diesem riesigen Amphitheater! « Doch um Richards muss man sich nicht sorgen. Ganz allein spielt er eine Fernsehtalk-Runde. Es geht um die Frage, ob Rassismus, Sexismus, Homophobie oder der Neokolonialismus der Inder das größte Problem Südafrikas sind, und er zeigt uns in atemberaubendem Tempo, wie sich die Runde politischer Aktivisten selbst zerfleischt. Gleich darauf verwandelt er sich in ein Huhn, dann singt er mit dem Publikum »No Zuma, no cry« und »Stand up for your rights«. Unter Standing Ovations für Richards und dem Applaus für drei Tage berührendes und spektakuläres, chaotisches und braves, therapeutisches und politisches, lustiges und trauriges Theater wird die Zugabe angekündigt: Die kongolesischen und die ugandischen Streetdancer tun sich für eine Improvisation zusammen. They are human together.


Come on, let’s play it again

Once upon a time… an African country, which experienced the biggest genocide after the Second World War. A theatre festival in Rwanda, during which artists process their trauma each year. A programme director from Stuttgart, who jumps right into the festival action. What all of this has to do with Hansel and Gretel, you can read in the following pages.

It smells of coal as I leave the aeroplane. Most Rwandans cook with coal – the capital Kigali smells accordingly. The smell evokes memories and emotions: It was only in March that we made a film here for the new opera production of Hansel and Gretel in Stuttgart. This time I have come to see what our partners from the Mashirika theatre group are doing when they are not assisting us to produce a German fairy-tale opera in Africa. Simon Rwema and Innocent Munyeshuri, who helped us to find suitable venues for our film, ensured that local passers-by did not impede the filming, and kept motivating the young actors to exceed themselves, are themselves actors. Hope Azeda, who organised actors and overcame any bureaucratic obstacles for us, is the director and curator of the only Rwandan theatre festival, which will commence tomorrow.

Only 24 hours later, I am in the midst of the action. The Japanese ambassador has opened the festival and a children’s’ choir sung: “If you want to sing, if you want to dance, Rwanda is the place to be”. Perhaps the latter statement is rather daring. The Rwandans are fairly restrained people; nobody would ever dare to dance and sing in public and cultural events are rare. Many visitors look forward all year to the Ubumuntu theatre festival as there is no permanent theatre. There is only a concert shell at the genocide memorial, which Azeda’s team turns into a theatre stage.

Ahead of us are 12 hours of performances from Rwanda, India, Great Britain, Uganda, Sweden, the DRC and Lebanon together with workshops and discussion sessions. The atmosphere of the sold-out amphitheatre is relaxed and joyful. The moderator keeps saying (perhaps a little too often): “Today, we are celebrating humanity! We are human together!”

Reconciliation, peace and security are the big themes of Rwanda – it has to overcome the trauma created by the genocide of 1994. A quarter of a million corpses were buried just a few yards from the amphitheatre, only a fraction of them has been identified and a quarter of a million constitutes only one third of the victims of murder. This trauma still rests on the whole country and so theatre in Rwanda also fulfils a therapeutic function and is a means of peace education and evocation of “positive values.”

Today theatre is also a little bit like a Sunday mass, as we are requested to say hello to our neighbour, tell him “I love you” and get to know him. I am sitting next to Samuel, a smart young man who visits the festival for the second time. He is a lawyer at the Supreme Court of Rwanda; in parallel he is writing his PhD in Tanzania. If he has to attend the Tanzanian university in person, he travels 30 hours on a bus. We laugh and dispense with the phrase „I love you“.

Following the first day at the festival, it is clear that I have never seen such a varied programme before: There is singing, rap, percussion and dance, video productions, beatboxing, poetry slam, children’s theatre and a choir of physically disabled persons. All productions are received with curiosity and openness but any dance performances are particularly popular. Perhaps the reason for this is the long tradition of traditional dance in this country while spoken theatre only arrived in Rwanda during colonial times and was deeply unpopular until a few years ago.

The guys of the Street Dance Company from Goma show the eternal struggle for power in the Congo in an imaginative and energetic production. A young group from Kenia gives a voice to the victims of turmoil and terror attacks in a verbose performance constituting of monologues. „We won’t forget“ allows us to experience how the spiral of violence gets in motion; “Kenya is burning” is the chorus. The turbulence after the 2007 election is still on everyone’s mind. It is only a month until the Kenyan elections. Incidentally, also Rwanda will have elections but it is already clear who is going to win. The streets are full of the colours of the party in power. Other parties are either in coalition with the ruling party or stand no chance. The government has methods to ensure the gigantic support for the ruling president, Paul Kagame. Aside from this, he is indeed popular because he represents peace, security and reconciliation.

Almost anyone here has experienced violence, either personally or indirectly. This is also evident in the productions which often focus on victims of war, rape, family tragedies and terrorism. Theatre provides them with a voice and a face and the audience gets a chance to engage with these topics. Astonished, moved and smiling faces in the audience demonstrate what theatre can achieve. Most Rwandan plays end with a request not to surrender your own humanity. “We celebrate humanity!“

“Peace, Humanity, Solidarity … During my workshop, I ask everyone not to repeat these prayers. These phrases are used to often here. And then? Are we going to say ‘Amen’ and go home?”, Frederique Lecomte asks. “I do not want to ridicule this. The people have experienced tremendous suffering and values are important. But to express only good intentions will not help anyone.” Lecomte is the head of the Belgian theatre group Theatre et Réconciliation. She created a performance entitled „Superheroes of Cohesion” together with amateurs from the DRC, Burundi and Rwanda. This wild performance which has been created out of improvisation, has certain anarchic charm: People in super-hero costumes conquer the stage and loudly exchange preconceptions of Rwandans, Burundi and Congolese people. The audience forgets their Rwandan tendency to hold back emotions and screams of laughter. These stereotypes are usually not said out loud. The performers then turn into politicians that promise heaven on earth. They roar, cheer and sing in Swahili, French and Kinyarwanda – like in real life.

Whilst the Rwandan pieces usually end with a peaceful appeal, more contradictory and angry pieces come from the neighbouring countries: the political break-dance group Spot Lite Crew from the Ugandan city Kampala present an impressive dance theatre production entitled “Desolation in Chains” which shows violence in prisons and ends on a rather despondent note. Even though violence is presented in a stylised manner, the audience around me is frightened and moved by each bash and hit.

The final artist is Daniel Mpilo Richards from South Africa. „I seriously was a bit worried about this guy“, smiles Azeda. “A whole programme just with one person, a chair and a guitar – and all of this in this gigantic amphitheatre!“ But there is no need to worry about Richards: Just by himself he plays a group in a TV talk show. He touches upon the question whether racism, sexism, homophobia or neo-colonialism by the Indians constitute the biggest problem in South Africa and he shows with breath-taking speed how the group of political activists is lacerated by each other. Shortly thereafter, he turns into a chicken, then he and the audience sing “No Zuma, no cry” and “Stand up for your rights”.

Standing ovations ensue and the audience applauds to Richards and three days of moving and spectacular, chaotic and brave, therapeutic and political, funny and sad performances. While the applause continues, an encore is announced: the Congolese and Ugandan Street dancers are collaborating for an impromptu improvisation: They are human together.


© Ann-Christine Mecke 2017 | erschienen in reihe5, 9. September 2017.

Foto: Jean Luc Habimana

Translation: Inga Ludewig