Lipsia putida

Dass Bischof Eido 1015 in Leipzig starb, verschaffte der Stadt ihre erste schriftliche Erwähnung. Was für ein Glück – zwar nicht für den 60-jährigen Bischof, aber doch für die Stadt. Denn was wäre passiert, wenn der schon arg geschwächte Eido sich noch ein paar Kilometer weiter geschleppt hätte, sagen wir: bis Albrechtshain? Unter diesen Umständen wäre wohl Albrechtshain zur berühmten Messe- und Musikstadt herangewachsen und könnte in diesem Jahr sein 1000-jähriges Jubiläum feiern, natürlich mit Festkonzert der Albrechtshainer Philharmoniker im Großen Saal des ehrwürdigen Konzerthauses Albrechtshain, vielleicht sogar zur Feier des Tages in der Albrechtshainer Arena.

Leipzigs erste Erwähnung hingegen wäre erst 1438 erfolgt, als die Kutsche von Friedrich dem Sanftmütigen auf der Durchreise ins Rutschen geriet und in die Pleiße fiel. Ein reichlich später Zeitpunkt für den Eintritt einer Stadt in die Weltgeschichte! Außerdem soll der sonst so sanftmütige Kurfürst laut seinem Chronisten ausgerufen haben: »Lipsia putida!« (modriges Leipzig), als er mit durchweichter Kleidung wieder in die Kutsche stieg. Diese Äußerung stellt bis heute eine schwere Erblast für das Leipziger Stadtmarketing dar, das derzeit versucht, die kleine Stadt als Standort großer Kur- und Rehakliniken bekannter zu machen.

Und Johann Sebastian Bach? Er bewarb sich 1721 als Kantor der Petrikirche in Albrechtshain, der Stadtrat entschied sich jedoch für Georg Philipp Telemann, der die Stelle wegen der großzügigen Bezahlung auch gern annahm und bis zu seinem Tod gut 8000 Kantaten für Albrechtshain schrieb. Bach blieb bis an sein Lebensende Kapellmeister in Köthen und komponierte Instrumentalmusik. Sein heute bekanntestes Werk ist jedoch das 1742 geschriebene Singspiel »Albrechtshainer Allerlei oder: Der sterbende Bischof«.


© Ann-Christine Mecke 2015 | erschienen im Gewandhausmagazin 86 (März 2015)

Beitragsbild: Gert Mothes

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