Anfangsverdacht

Dass Operntexte durch schlechte Übersetzungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden können, ist bekannt. Doch wie die Sängerin Milena Friedrich kürzlich herausfand, ist das sogar bei einer Oper passiert, die bisher als die deutsche Nationaloper schlechthin galt: »Der Freischütz.«

Als die Sopranistin die Partie der Agathe einstudierte, kämpfte sie mit Zeilen wie: »Himmel, nimm des Dankes Zähren für dies Pfand der Hoffnung an!« Milena Friedrich wurde misstrauisch: »Es klang wie eine schlechte Übersetzung. Und die Oper spielt immerhin in Böhmen, der Heimat meiner tschechischen Mutter!« Bei Recherchen in Prager Bibliotheken stieß sie tatsächlich auf das Original: Carl Maria von Weber komponierte eigentlich die Oper »Podivný myslivec« (Der wunderliche Jägersmann), und was seit 1821 als »Der Freischütz« gespielt wird, ist lediglich die ziemlich ungenaue Übersetzung von Friedrich Kind!

Im »Wunderlichen Jägersmann« geht es um den Veteran Kaspar, der von Literaturwissenschaftlern inzwischen wegen seines komplexen Teufelspakts als »Tschechischer Faust« bezeichnet wird. Das Paar Agáta und Maksim spielt nur eine untergeordnete Rolle. Im Originaltext wird auch klar, dass Agáta sich schon lange von ihrem Verlobten entfremdet hat – sogar ein Verhältnis zu dem Eremiten deutet das Libretto an. Der Anfangsverdacht der Sopranistin bestätigte sich eindrucksvoll: »Statt ›Himmel, nimm des Dankes Zähren …‹ singt Agáta an dieser Stelle: ›Bei allen Heiligen, hoffentlich kommt der Kerl nie wieder!‹ Also, ich hätte große Lust, die Agáta mal so darzustellen, wie sie gedacht war!«

Daneben ist Milena Friedrich schon dem nächsten Skandal auf der Spur. »Ich habe Hinweise, dass das französische Original von ›Hänsel und Gretel‹ in einem Archiv in Straßburg liegt.« Man darf gespannt sein, ob auch Hänsels und Gretels Mutter sich im Original ganz anders darstellt.


© Ann-Christine Mecke 2018 | erschienen im Gewandhausmagazin 101 (Dezember 2018)

Beitragsbild: Gert Mothes

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