Landschaften

Als August Kleinparis eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheuren Festivallandschaft verwandelt. Er lag auf einem buchdeckelharten Rücken und konnte den von Dokumentarfilmrollen umkränzten Kopf nur mit Mühe anheben. Hörspiele und Jazzmusik dröhnten in seinen Ohren, und er ächzte unter der Last eines gewaltigen Bachfest-Bauches. Statt Arme flimmerten zwei unsichere Biennalen hilflos vor seinen Augen. Blühende Landschaften fand August in seinem Bauchnabel vor: Das musste die Freie Szene sein. Lautstark forderte sie mehr Platz.

Während August noch versuchte, seine Lage zu erfassen, klopfte es an die Tür: „Herr Kleinparis? Wollten Sie nicht abreisen? Wir möchten heute beginnen, die 65.000 neuen Hotelbetten zu bauen“, kam es höflich aus dem Flur. „Ja, natürlich“, antwortete August, bemüht, die Stimme beim Übertönen der Hörspielklänge nicht unnatürlich laut werden zu lassen, „geben Sie mir noch zehn Minuten!“ Mithilfe kraftvoller Bewegungskunst richtete er sich auf und schaute sich um: An der Wand hing noch immer das vertraute Landschaftsbild „Weiße Elster an der weißen Elster“, die Sofalandschaft leuchte coffee-farben, auf dem Tisch der Bildband über Landschaftskunde, den er sich vor dem Zubettgehen angesehen hatte. Erneut klopfte es an der Tür: „Die Dame von der Messe wäre jetzt da, um mit Ihnen über die neue Messelandschaft zu sprechen. Später ist dann das Gespräch über die Spiellandschaft des Theaters.“ August seufzte und rief: „Ich glaube, ich brauche zunächst einen Landschaftsgärtner!“ Im Flur wurde es still. August schloss die Augen und sank zurück auf das Bett.

Als August Kleinparis am Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zu seiner Erleichterung im gewohnten Zustande. Nur als er beim Aufstehen versonnen das Landschaftsgemälde betrachtete, war es ihm, als würde die Elster mit einem Flügel an ihre Stirn tippen.


© Ann-Christine Mecke 2019 | erschienen im Gewandhausmagazin 103 (Juni 2019)

Beitragsbild: Gert Mothes

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