Preiswert

Gisela Hallmack-Paschulke sah zufrieden auf die Rückenlehne vor ihr. „Hansi Paschulke“ war in ein kleines Messingschild eingraviert. Es gefiel ihr immer noch, dass sie bei ihrer ersten Initiative als Förderkreis-Vorsitzende an ihren Wellensittich gedacht hatte. Dabei war die Sesselpaten-Aktion anfangs beinah gescheitert: Das ganze Werbematerial musste eingestampft werden, nachdem Dr. Wilbert, Allgemeinmediziner und ehemaliger Vorsitzender des Vereins, darauf hingewiesen hatte, dass „Stuhlpate“ einen etwas unappetitlichen Beiklang hatte. Und über der Frage, ob „Metallwaren Schoppe“ automatisch eine Sesselpatenschaft bekommen sollte, weil der Laden die Schilder umsonst herstellte, war der Förderkreis fast zerbrochen. Dass Frau Hallmack-Paschulke dann aus Bescheidenheit darauf verzichtet hatte, ihren eigenen Namen in das erste Namensschild eingravieren zu lassen, hatte ihr damals viele Sympathien eingebracht. Inzwischen waren alle Sessel vergeben, weitere Namensschilder zierten bereits den Kronleuchter.

Dauerhafte Mitglieder waren hingegen schwieriger zu finden als einmalige Spender. Die Förderer wollten immer exklusivere Gegenleistungen. Mit Probenbesuchen ließen sie sich längst nicht mehr abspeisen, da konnte Frau Hallmack-Paschulke noch so oft vorrechnen, dass eine Förderkreis-Mitgliedschaft mit kostenlosem Besuch aller Generalproben preiswerter sei als ein Abonnement. Der Verein musste mit exklusiverem Programm locken, einer Schnupper-Geigenstunde beim Konzertmeister zum Beispiel. Aber so etwas zu organisieren war mühsam: Wie oft hatte sie sich schon ein entnervtes „Wer fördert hier eigentlich wen?“ aus dem Orchester anhören müssen.

Gisela Hallmack-Paschulke öffnete das Programmheft und lächelte. Ihre neue Aktion würde die Lage endlich etwas entspannen. „Die Sinfonie wurde ausgewählt von Hansi Paschulke, Mitglied des Förderkreises e. V.“ stand dort, genau wie vereinbart.


© Ann-Christine Mecke 2010 | erschienen im Gewandhausmagazin 69 (Dezember 2010)

Beitragsbild: Gert Mothes

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