Verzweifelt lustig

Dass Gustav Mahler tiefe Tragik und oberflächliche Unterhaltung als untrennbar verbunden ansah, ist allgemein geläufig: Seit er in seiner Kindheit in großer Verzweiflung einen Leierkasten „O du lieber Augustin“ spielen gehört hatte, empfand er Floskeln der Unterhaltungsmusik als Verstärkung seiner unglücklichen Stimmung und zitierte sie zu diesem Zweck in seinen Kompositionen. Viel zu wenig bekannt ist hingegen, dass sich umgekehrt auch die Gebrauchsmusik bei Mahler bediente. So basieren weite Strecken der „Polonäse Blankenese“ auf Passagen der Klarinetten- und der Posaunenstimmen von Mahlers „Lied von der Erde“; die berühmte Fußball-Hymne „Olé, olé, olé, olé“ bedient sich wichtiger Motive aus der zweiten Sinfonie.

Von den meisten Biographen wird außerdem verschwiegen, dass Mahlers Neigung, emotionale Momente durch die Einbeziehung banaler Floskeln und Gesten zu intensivieren, sich spätestens ab seiner New Yorker Zeit auf fast alle seine Lebensäußerungen ausgedehnt hatte – eine Entwicklung, die gerade im Zusammenhang mit der Entfremdung zwischen Gustav und Alma viel zu wenig beachtet wurde. So pflegte Mahler etwa ab seinem 45. Lebensjahr beinahe jedes ernste Gespräch mit „Tschüssikowski“ zu beenden, viele Briefe aus dieser unglücklichen Lebensphase enthalten das (in den gedruckten Briefausgaben meist getilgte) Postskriptum: „Ich muss nun für kleine Königstiger.“

Nur mit Mühe konnte der große Komponist in Phasen tiefster Verzweiflung davon abgebracht werden, bei der Orchesterprobe mit seinem sogenannten lustigen Hut zu erscheinen. Nicht unterdrücken konnte er hingegen den Impuls, seine Wutausbrüche mit einem ironischen „Tätärätä“ abzuschließen, was die Wirkung der Schimpftiraden freilich abschwächte und einen Beitrag dazu geleistet haben mag, dass Mahler gegen Ende seines Lebens als vergleichsweise milde und verträglich beschrieben wurde.


Erschienen im Gewandhausmagazin 70 (März 2011)

© Ann-Christine Mecke 2011 | erschienen im Gewandhausmagazin 70(März 2011)

Beitragsbild: Gert Mothes