Werde ich Tenor, wenn ich groß bin?

Die Frage, ob ein begabter Junge nach dem Stimmwechsel ein Tenor oder ein Bass wird, hat Chorleiter, Gesangslehrer und Sänger wohl schon immer beschäftigt. Der Volksmund hält sogar eine Faustregel für die Vorhersage bereit: Aus Knabensopranen sollen häufig Bassisten, aus Knabenaltisten eher Tenöre werden. Verdächtig an der Faustregel ist jedoch, dass sie relativ neu ist. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde nämlich die These vertreten, dass die Stimme um genau eine Oktave sinkt und dass daher normalerweise aus einem Sopran ein Tenor, aus einem Alt ein Bass werden muss.

Für die moderne Faustregel „Altisten werden Tenöre“ gab es sogar einen genetischen Erklärungsversuch: Der Mathematiker Felix Bernstein postulierte 1923 ein Genpaar, das für die Vererbung der Stimmlage verantwortlich sei. Bei Frauen und Kindern würde die Anwesenheit des einen Gens eine Altstimme, bei Männern eine Tenorstimme hervorrufen. Entsprechend führe die Anwesenheit des antagonistischen Gens zu einer Sopran- bzw. Bassstimme. Ein Sohn von einer Altistin und einem Tenor hätte demnach mit Sicherheit als Kind eine Altstimme, später eine Tenorstimme. Grundlage für diese These war die statistische Analyse der Stimmlagen von 2000 Erwachsenen und 2800 Kindern. Nachdem Bernstein zusätzlich einige komplette Familien untersucht hatte und seine Theorie bestätigt fand, betrachtete er die Vererbung der Stimmlage durch ein einziges Gen als erwiesen.

Gegen die statistische Auswertung, die Bernstein anwendete, ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Als der Mathematiker auf ganz ähnliche Weise die Verteilung von Blutgruppen untersuchte, leistete er einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der Vererbung. Die Kriterien, nach denen man die Stimmlage eines Menschen festlegt, sind jedoch längst nicht so klar wie die für die Blutgruppe. Biologisch ist die Annahme, dass die Stimmlage durch ein einziges Gen vererbt wird, das zudem bei Frauen und Kindern zu einem stärkeren Kehlkopfwachstum führt, bei Männern jedoch zu einem geringeren, ziemlich absurd. Vermutlich hatte Bernstein es sich mit der Einteilung der Stimmlagen „nach subjektive[m] Höreindruck […] nach der Klangfarbe der Stimme“ ein bisschen zu einfach gemacht.

So überrascht es nicht, dass der Mediziner Fritz Mundinger 1951 Bernsteins Thesen eindrücklich widerlegen konnte. Mundinger nahm nicht nur die Klangfarbe der Stimme, sondern auch die Sprechstimmhöhe, den Stimmumfang und die Lage der Registerübergänge zur Grundlage seiner Einordnung in Stimmlagen. Keine der von ihm untersuchten 55 Familien verhielt sich so, wie Bernstein es voraus gesagt hatte. Damit kann man die These, dass es ein Tenor-Gen gibt, in die Schublade der amüsanten, aber widerlegten Theorien ablegen.

Aber gibt es vielleicht doch eine statistische Beziehung zwischen Knaben- und späterer Männerstimme, so dass Altisten zwar nicht immer, aber doch häufiger Tenöre werden? Es gab einige Versuche, den Zusammenhang zwischen Knaben- und späterer Männerstimme zu untersuchen. Allerdings ist es nicht einfach, wirklich aussagekräftige Statistiken zu erhalten. Welche Stimmlage einem Sänger zugeschrieben wird, hängt von verschiedenen Parametern ab, und gerade bei Kinderstimmen können sich die Kriterien von Chor zu Chor stark unterscheiden: Nicht immer werden Kinder nach dem Stimmklang eingeteilt, in manchen Chören landen einfach diejenigen in die Unterstimme, die musikalisch am sichersten sind. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Kinder im Laufe ihrer Gesangskarriere die Stimmlage wechseln. Und schließlich gibt es Chöre, in denen „Mezzosopran“ eine eigene Stimmlage ist, und andere, in denen es nur Sopran und Alt gibt. Statistiken, in denen Kinderstimmlagen aus ganz verschiedenen Zusammenhängen zusammengefasst werden, sind daher problematisch.

Eine zweite Schwierigkeit für solche Studien stellen Erinnerungsfehler da. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil aller Erwachsenen kann sich wohl zuverlässig an seine Kinderstimmlage erinnern. Trotzdem beruhen die meisten Statistiken auf den Erinnerungen der Befragten, denn eine Longitudinalstudie über einen so langen Zeitraum wäre sehr aufwändig.

Die erste systematische Untersuchung dieser Frage stammt von dem englischen Gesangslehrer Emil Behnke und dem Mediziner Lennox Browne. Behnke und Brown fragten in den 1880er Jahren mehrere hundert Lehramtsstudenten nach ihrer Kinderstimme und erhielten 295 Antworten. Die Antworten waren nicht vorgegeben, deshalb gab es auch einige ungewöhnliche Auskünfte; drei Personen gaben beispielsweise an, dass sie als Kind Tenor sangen und nun Bässe seien. Nach Abzug solcher Antworten und ohne Berücksichtigung derer, die sich nicht erinnern konnten, ergab sich, dass 38% aller Knabensoprane und 37% der Knaben-Altisten Tenöre wurden. Bei einer ähnlichen Befragung unter 124 Freiburger Studenten im Jahre 1929 ermittelte Rudolph Schilling, dass 27% der Sopranisten und 19% der Altisten sich zu Tenören entwickelten.

Auch in der bereits oben erwähnten Untersuchung von Fritz Mundinger wurden 41 Sänger (Gesangsstudenten, Opernchorsänger und Laienchorsänger) untersucht und über ihre Kinderstimmlage befragt. Während Mundinger die Männerstimmlage in einem aufwändigen Verfahren untersuchte, musste er sich bei der Kinderstimmlage auf das Gedächtnis der Männer verlassen. Nach dieser Untersuchung wurden 34% der Sopranisten, 40% der Mezzosopranisten und 25% der Altisten später Tenöre. Allerdings war in dieser Untersuchung einer relativ kleinen Gruppe die große Mehrheit der Befragten der Ansicht, als Kind eine Sopranstimme gehabt zu haben, so dass die Prozentzahlen für die anderen Stimmlagen auf sehr wenigen Einzelfällen beruhen. In einer Studie von 1977 ergab sich sogar, dass nur 5% aller Knaben-Altisten, aber 51% aller Sopranisten später eine Tenorstimme entwickelten. Diese Untersuchung ist allerdings nicht nur wegen der kleinen Stichprobe, sondern auch aufgrund inkonsistenter Zahlenangaben mit Vorsicht zu betrachten.

Die bisher genannten, auf Erinnerungen basierenden Statistiken von zufällig ausgewählten Erwachsenen vermögen also nicht zu überzeugen: Die Stichproben sind oft zu klein, die Erinnerungen wohl immer unsicher. Vor allem aber sind die Kriterien, nach denen die Stimmlage festgestellt wurden, zweifelhaft und uneinheitlich. Zwei neuere Studien gibt es jedoch, die auf zuverlässigerem Datenmaterial beruhen. Thomas Pfützner hat im Rahmen seiner Diplomarbeit die stimmliche Entwicklung von 347 Mitgliedern des Dresdner Kreuzchors ausgewertet. Die gesammelten Daten stammen von Chormitgliedern der Jahrgänge von 1955 bis 1999 und beruhen auf Unterlagen des Chors, so dass Erinnerungsfehler ausgeschlossen sind. Darüber hinaus haben alle untersuchten Sänger eine ähnliche Ausbildung durchlaufen und wurden nach ähnlichen Kriterien in die Stimmlagen eingeteilt – auch wenn sich diese Praxis im Laufe der Jahre geändert haben mag. Eine ähnliche Untersuchung stammt von Horant Schulz: Er hat ehemalige Mitglieder des Windsbacher Knabenchors nach der früheren und der heutigen Stimmlage befragt. 269 Männer fragte Schulz an, 168 davon beantworteten die Frage nach ihrer früheren und aktuellen Stimmlage. Man kann wohl vermuten, dass die ehemaligen Schüler eines Internatschors mehrheitlich zuverlässige Erinnerungen an ihre Kinderstimmlage haben, darüber hinaus hat auch diese Untersuchung den Vorteil, dass man hinsichtlich der Kriterien, nach denen die Stimmlagen zugeordnet wurden, von einer gewissen Einheitlichkeit ausgehen kann. Beide Untersuchungen beziehen sich auf einen ähnlichen Zeitraum und kommen zu ähnlichen Zahlen: Rund 40% aller jungen Männer werden Tenöre, rund 60% werden Bässe – unabhängig von der Kinderstimmlage (vgl. Tabelle). Die geringen Unterschiede in den Anteilen sind statistisch nicht signifikant.

Es sieht also schlecht aus für irgendwelche „Faustregeln“ im Hinblick auf die spätere Stimmlage. Belastbare Hinweise für die Behauptung, dass aus Altisten mehrheitlich Tenöre werden, gibt es jedenfalls nicht. Vielmehr deuten die überzeugendsten Statistiken darauf hin, dass aufgrund der Kinderstimmlage keine Prognose über die spätere Männerstimmlage möglich ist.

UntersuchungVerteilung KinderstimmenVerteilung Männerstimmen
Pfützer 2001Sopran 266 (75%) Tenor 97 (37%) Bass 169 (64%)
Alt 91 (25%) Tenor 38 (42%) Bass 53 (58%)
Schulz 2001Sopran 104 (62%)Tenor 40 (38%) Bass 64 (62%)
Alt 64 (38%)Tenor 26 (41%) Bass 38 (59%)

Die beiden letztgenannten Studien geben auch Hinweise darauf, dass die Anzahl der Männer, die sich zu Tenören entwickeln, zurückgeht. Pfützner stellte im Rahmen seiner Untersuchung von Daten des Dresdner Kreuzchors fest, dass der Anteil der Tenöre sich seit 1956 kontinuierlich reduzierte: Wurden von den Sängern der Jahrgänge 1956–1965 noch 42,5% Tenöre, waren es bei den Chormitgliedern der Jahrgänge 1986–1993 nur noch 33,7%. Auch in der Statistik von Schulz findet sich dieser Effekt: Während unter den Windsbacher Sängern der Abiturjahre 1946–1977 rund die Hälfte aller Ehemaligen, die diese Frage beantworteten, Tenöre waren, waren es unter den Sängern der Abiturjahrgänge 1978–1996 nur noch rund ein Drittel. Dass die Stimmen heutiger junger Männer tiefer sind als die früherer Generationen, ist jedoch nicht die einzige denkbare Erklärung. Möglich ist auch, dass sich die Ansprüche an einen Tenor geändert haben oder dass man heute schonender mit den Stimmen der Heranwachsenden umgeht und sie im Zweifel in eine tiefere Stimmlage einteilt. Was die Ursachen für den sinkenden Tenor-Anteil auch sein mögen, mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass derzeit die Mehrheit aller jungen Männer zu Bassisten wird. Wer also auf die Frage „Werde ich Tenor, wenn ich groß bin?“ mit „Nein“ antwortet, hat eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, richtig zu liegen – unabhängig von der Stimme des fragenden Knaben.


© Ann-Christine Mecke 2017 | erschienen im Vox humana 2/2017.

Dieser Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung eines Abschnitts aus Ann-Christine Mecke; Mutantenstadl. Der Stimmwechsel und die deutsche Chorpraxis im 18. und 19. Jahrhundert; Berlin (Wissenschaftlicher Verlag Berlin) 2007. Für die Übersendung seiner Originaldaten danke ich Thomas Pfützner.

Beitragsbild: „Buff Orpington chick“ von gina pina. Diese Datei ist unter der Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“ (US-amerikanisch) lizenziert.

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