Epo für Musiker

Annika Hartmann lächelte siegessicher, als sie den Urinbecher auspackte, den sie gekühlt aus einem Konzertsaal in Chicago geschickt bekommen hatte. Diesmal würde sie ihn erwischen: Anton Lewandowski, den Oboisten mit dem ewigen Atem. Bisher hatte sie ihm nichts nachweisen können, selbst bei unangemeldeten Kontrollen hatte er ihr souverän lächelnd die Urinprobe in die Hand gedrückt: »EPO für Oboisten? Ich bitte Sie, Frau Doktor!«

Lewandowski führte seine außergewöhnliche Atemleistung aufs Höhentraining zurück und ließ sich von der Presse beim Üben auf einer Schweizer Alm fotografieren. Annika Hartmann schaute auf die herausgerissene Zeitschriftenseite an ihrer Pinnwand: Der Oboist spielte mit geschlossenen Augen, im Hintergrund glotzten zwei braune Kühe auf seinen Notenständer. »Das kannst du deiner Großmutter erzählen«, murmelte sie.

Sie kannte die Ausreden und Tricks. Sie hatte Cellisten mit Anabolika erwischt, die dann etwas von Vitaminpräparaten faselten. Sie hatte bei mehreren Trompetern Corticoide nachgewiesen, die diese angeblich gegen Asthma genommen hatten, und Beruhigungsmittel bei nervösen Soloflötisten, die behaupteten, ihr Flötenlehrer hätte ihnen die Tropfen in den Tee gemischt. Spektakulär war der Fall der russischen Geigerin mit dem unvergleichlichen Vibrato – Annika hatte festgestellt, dass das Zittern in ihrer linken Hand durch eine gezielt zusammengestellte Medikamentenkombination hervorgerufen wurde. Der russische Kollege, der die Medikamente gemischt hatte, saß nun zwar im Gefängnis, aber im Internet wurde er als »Vibratozauberer« gefeiert, während Annika gelegentlich Drohbriefe erhielt. Auch die Fans von Lewandowski schrieben schon jetzt böse Dinge über sie, aber sei’s drum. Mit dem Besuch der amerikanischen Kollegen hatte er nicht gerechnet. Konzentriert verstaute Annika die Urinprobe im Rohrpostbehälter und schickte sie ins Labor.


© Ann-Christine Mecke 2015 | erschienen im Gewandhausmagazin 87 (Juni 2015)

Beitragsbild: Gert Mothes

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