Unmöglich

Oper, so liest man häufig, sei eine “unmögliche“ Kunstform. Unmöglich schon deshalb, weil auf der Bühne Dinge passieren, die in Wirklichkeit unmöglich oder zumindest abwegig sind. Mit dem Gesang geht es schon los: völlig unrealistisch!

Realistisch sind andere Kunstformen allerdings auch nicht gerade. Die Malerei zum Beispiel: Wann ist Ihnen zuletzt eine Uhr geschmolzen? Das geht doch gar nicht! Oder das Schauspiel: Haben Sie schon einmal einen Monolog in Hexametern gesprochen, als Sie allein zu Hause waren? Da singt man doch eher unter der Dusche eine Arie. Und wer glaubt, das Fernsehen sei realistischer als die Oper, der sollte mal gemeinsam mit einem Arzt eine Krankenhausserie anschauen.

Besonders unrealistisch, sagt man, seien in der Oper die Sterbeszenen. „Oper ist, wenn einer erstochen wird, und anstatt zu bluten fängt er an zu singen“, scherzen Opern-Skeptiker gern. Dabei ist es doch mindestens ebenso erstaunlich, zu welchen sprachlichen Leistungen die Schussopfer in manchem Kinofilm noch in der Lage sind. Ganze Beziehungskonflikte werden da schnell noch gelöst („Ich habe dich immer geliebt!“) oder gar ausdiskutiert („Warum hast du das getan?“). Und während Opernfiguren in ihren Sterbearien meistens zum Ausdruck bringen, was ohnehin offensichtlich ist („Oh, ich sterbe!“), haben sich viele Leinwandhelden für ihre letzten Worte eine Überraschung aufbewahrt wie: „Dexter arbeitet für Brooks. Die beiden deponieren gerade eine Bombe am Auto des Präsidenten!“

Unrealistisch soll da die Oper sein, ha! Wie sieht es denn mit dem Tanz aus? Ignorieren wir einmal die unnatürlichen Körperhaltungen der Tänzer und Tänzerinnen und fragen nur: Haben Sie jemals in der freien Natur einen tanzenden Schwan gesehen? Einen Nussknacker gar? Und Konzerte: Da spielen 14 Geigen die gleichen Töne – hat man so etwas jemals im normalen Leben gehört? Völlig unrealistisch! Gehen Sie lieber in die Oper.


© Ann-Christine Mecke 2010 | erschienen im Gewandhausmagazin 68 (September 2010)

Beitragsbild: Gert Mothes

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