Nie wieder!

„Nie wieder“ stand über einem Schumann-Porträt in einer Zwickauer Fußgängerunterführung. Gewiss, der junge Schumann war auf diesem Bild selbst für seine Fans kaum zu erkennen, aber das war der Anfang der rätselhaften Anti-Komponisten-Kampagne. „Nie wieder Puccini – nie wieder Grieg!“ stand bald in meterhohen Buchstaben an der Berliner Philharmonie. Plakate des Freiburger Barockorchesters wurden mit „Vivaldi go home“ beschmiert, und an den Balkons des Gewandhauses war nach einer Konzertpause zu lesen: „Klangwelt den Klängen – Beethoven raus!“ Wie immer fehlte von den Tätern jede Spur.

Anfangs schien sich der Protest nur gegen Komponisten zu richten, doch bald wurden die Parolen allgemeiner: „Macht Fagott, was euch Fagott macht!“ war auf die Garderobenschränke der Münchner Philharmoniker gesprüht. Und im Foyer der Bamberger Symphoniker hing plötzlich ein Transparent mit der Aufschrift: „Hoch die internationale Atonalität!“ Natürlich wusste niemand, wie es dorthin gekommen war.

Kommissar Kloppke schloss die Akte und seufzte. „Diese Musik-Anarchisten mal wieder“, murmelte er missmutig. Er kannte die seltsamen Aktivisten noch aus seiner Zeit in Darmstadt. Dort war eine Gruppe, die sich „die musikbefreier“ nannte, in Archive und Probensäle eingebrochen, hatte Notenmaterial mitgenommen und in Wäldern und Seen der Umgebung „freigelassen“. Einige der Typen gingen schließlich bei Schloss Kranichstein ins Netz. Kloppke erinnerte sich nur ungern an die Befragungen; er war sich in seinem eigenen Polizeirevier vorgekommen wie in einer Missionsstation. „Wissen Sie eigentlich, wie wenig Platz ein einzelner Ton in so einer Strauss-Partitur hat?“, hatte ein Täter ihn gefragt. „Manche rupfen sich selbst die Obertöne raus vor Verzweiflung!“ Er war froh, als die Staatsanwältin die Sache übernommen hatte. Nun schien die Bewegung also zu einer bundesweit operierenden Organisation gewachsen zu sein. Kloppke seufzte noch einmal und griff zum Telefon, um den Innenminister zu informieren.


© Ann-Christine Mecke 2010 | erschienen im Gewandhausmagazin 66 (März 2010)

Beitragsbild: Gert Mothes

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